Wirecard-Affäre: Wie unabhängig und nützlich sind Wertpapieranalysten?

In der Wirecard-Affäre haben auch die Aktienanalysten versagt. Ein Grund mehr um die Frage nach ihrer Unabhängigkeit zu stellen. Die Unterstützung des Marketings eines Finanzproduktes (Aktie) durch die Analyse ist ein legitimes aber auch “propagandaanfälliges” Absatzinstrument (getürkte Empfehlungen). Noch vor einem Jahr wurde die Aktie des einzigen DAX-Pleitiers massiv hofiert. Von 162 Empfehlungen (siehe unten) waren nur 11 oder 7% Verkaufsempfehlungen. Hat Wirecard auch Research-Häusern „gedroht“?. Hier würde sich lohnen investigativ „nachzuhaken“.

Der Wirecard-Fall erinnert den Autor stark an die MLP (WKN 656990), während dessen kurzlebigen DAX-Aufenthaltes als auch damals die Kritik am Titel „ein Tabu“ war das rigoros von MLP durchgesetzt wurde, weil der Finanzdienstleister bis auf wenige Ausnahmen involvierten Research-Häusern mit dem Abbruch der Geschäftsbeziehungen drohen konnte. http://bankundversicherungsbilanzen.de/wp/?p=195

Quelle: https://www.onvista.de/aktien/Wirecard-Aktie-DE0007472060#!1%20Jahr (Stand 1.10.2020)

 Verzerrungen und Anomalien in der Analystenbranche

  1. Analysten weder „Opfer“ noch „Täter“

Es wird behauptet, Analysten werden oft zum Spielball der mächtigen Vertriebsinteressen der Bankenhäuser degradiert. Die in ihren Arbeitsverträgen verklausulierte Loyalität zum Arbeitgeber verlangt das. So einfach ist es nicht. Die hieraus abgeleitete „Opferrolle“ ist nicht unbedingt zutreffend. Im Extremfall sind Analysten als „Täter“ einzustufen. Temporäre Finanzskandale bezeugen das. Fälle in denen “ehrliche” Analysten   gefeuert wurden sind eher selten. Die meisten schwimmen mit dem Strom, weil sie gut bezahlt werden.

  1. Analysten „Profiteure“ und freiwillige Förderer der Exzesse im Finanzsystem

Analysten genießen viele Vorteile ihres Berufsstandes. Sie dürfen z.B. selbst als Tarifangestellte in Analysten-Konferenzen die mächtigen Wirtschaftsbosse dieser Welt live erleben und ihnen kritische Fragen stellen. Von diesem Privileg können die Mitarbeiter analysierter Firmen nur träumen. Diese sehen ihre Chefs oft nur im Fernsehen. Solche Auszeichnung fördert die Selbsteinschätzung und ist ein nicht zu unterschätzender pekuniärer Vorteil. Hinzu kommen Nennungen der “Experten” in der Fachpresse und gelegentliche Auftritte im Börsenfernsehen. Leser staunen, dass Vorstände Zeit für Einzelgespräche (One to One-Meeting) mit Staranalysten oder Fondsmanager finden. Wie ist das mit dem Insiderverbot zu vereinbaren? Durch Opportunismus und Ausnutzung ihrer Stellung fördern somit nicht selten die Berufsangehörige die Verzerrungen des Finanzsystems.

  1. Analysten als aggressive Mitgestalter des Finanzsystems?

Manchmal geht es noch weiter. Die gnadenlose Jagd nach kurzfristiger Rendite wird häufig erst von Analysten und Vermögensverwaltern potenter Häuser wie Goldman Sachs oder BlackRock angezettelt. Ein Konzern, der keine stillen Reserven ausschütten oder schmerzliche Entlassungen nicht einleitet will, kann schnell unter Beschuss geraten. Die Zunft erhebt sich dann gerne zum Anwalt der Anleger und übt Druck auf Vorstand und Aufsichtsrat aus. Infolge dessen wird eine neue Führungs-Crew eingesetzt, die dem Druck nachkommt. Parallelen zu den Praktiken der Hedgefonds liegen vor. Hier zählen Analysten zu den aktiven und gefürchteten Feinden den „renditeschwachen Lenker“ der Realwirtschaft.

Dennoch: Der Eindruck, die Berufswelt der Aktienanalyse bestehe primär aus Anomalien wäre falsch und einseitig. Die Verzerrungen müssen aber genannt werden, um die Informationslücke für den Privatanleger zu schließen. Denn Banken malen immer ein harmonisches Bild, die Fachpresse beleuchtet Missstände nur sporadisch und der Unbeteiligte erfährt nur wenig darüber, was sich hinter den Kulissen abspielt. Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt keine Konsequenzen bei

So war es vermutlich auch bei Wirecard gewesen. Wie lässt sich denn anders die gerade vor einem Jahr erdichtete Kurschance von 85% interpretieren? https://www.deraktionaer.de/artikel/aktien/wirecard-sensationelles-kursziel-aktie-vor-85-prozent-rallye-20191589.html

Viktor Heese
Über Viktor Heese 136 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

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