Wirecard-Affäre medial hoffnungslos aufgebauscht

Der Skandal um den Zahlungsabwickler wird von unbedarften Medien massiv dramatisiert. Wir lesen von der größten Finanzaffäre der deutschen Nachkriegsgeschichte, dem irreparablen Schaden für den hiesigen Finanzplatz oder einem Super-Bilanzbetrug. Dabei ist der Skandal im Vergleich zu der Banken- und Finanzkrise von 2009 nur ein Kleinunfall, Deutschland kann in der Finanzwelt ohnehin keinen guten Ruf verlieren, weil es ihn nicht hat und last but not least die Bilanzmanipulation ist keinesfalls neu, sondern eine billige Kopie der Ära des Neuen Marktes (New Economy) von 2000/2001. Auch entstand durch die Insolvenz kein außerbörslicher (bei Nicht-Anlegern) und kein bankexterner Schaden (bei Nicht-Banken) Schaden, weil Wirecard keine Zulieferer hat, im Inland „nur“ knapp tausend Arbeitsplätze verloren gehen und die Wirecard-Kunden kein Geld verlieren.

Kleine operative Verhältnisse, die „blinde“ Börse machte auch diesen Hochstapler zum Star

Ein schneller Blick auf die Konzernbilanz 2018 – ohne das Bankgeschäft – belegt, dass der Bankrotteur  https://ir.wirecard.com/download/companies/wirecard/Annual%20Reports/DE0007472060-JA-2018-EQ-D-02.pdf, mit zwei Milliarden Umsatz, einem Eigenkapital von knapp einer Milliarde, Jahresgewinnen von zwei- bis dreihundert Millionen (alles in Euro) und weltweit fünftausend Beschäftigten kaum als ein systemrelevanter Finanzriese gelten darf. In Wirklichkeit war DAX-Neuling noch kleiner, weil ja die die entscheidenden Bilanz- und Ertragszahlen „getürkt waren“.

Falls die nicht zum ersten Mal „blinde“ deutsche Börse den Hochstapler zum Riesen stilisierte, liegt die Schuld primär bei den gierigen Aktionären und den trendkorrekten Analysten, weniger beim „Papiertiger“, der Finanzaufsicht BaFin oder beim Wirtschaftsprüfer EY. Denn die Wirecard-Aktie war auch ohne die Fälschungen – wie einst in Zeiten des Neuen Marktes (2000/2001) der Versicherungsmakler MLP, welcher sich ebenfalls den Einstieg in die erste deutsche Börsenliga erschlichen hatte – hoffnungslos überteuert. Parallelen zu damals sind keineswegs zu übersehen. https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/finanzdienstleister-das-konzept-kommt-an/216494.html. Auch die Umsatzmanipulation mit fiktiven Asien-Geschäften wie einst beim „Rekordler“ Comroad, der es auf eine Betrugsquote von 97% gebracht hatte sind nichts neues. https://www.welt.de/print-welt/article421064/Comroad-einer-der-groessten-Bilanzskandale-vor-Gericht.html

Eine Insolvenz die wirtschaftlich kaum jemanden schadet aber….

Da es die erdichteten Umsätze und die Gewinne größtenteils nicht gab, gibt es auch kein Eigenkapital in der ausgewiesenen Höhe. Wäre korrekt bilanziert hätte der Finanzdienstleister, der sein Geld mit gebührenpflichtigen „Eintreibung“ der Rechnungsgelder bei Kreditkartenzahlungen für Warenhäuser (sog. Payement bei Massengeschäften) und Händler (sog. Acquiring bei Geschäften mit Kunden-Rückgaberecht), verdiente, wahrscheinlich gerade kostendeckend gearbeitet. In beiden Fällen hätte er sich keine Kundengelder aneignen können, weil die verzögerte Weitergabe oder der Ausfall von den Kundenbanken an die Begünstigten kurzfristig auffallen würde.

Wozu brauchte Wirecard bei diesem Geschäftsmodell überhaupt Fremdkapital?

Die ergaunernden Bankschulden und die wohl bald wertlose Unternehmensanleihe (Kurs zuletzt knapp 13 Euro) https://www.finanzen.net/anleihen/a2ynq5-wirecard-anleihe in Höhe von insgesamt knapp drei Milliarden Euro dienten bei fehlenden Eigenmitteln dem fiktiven und tatsächlichen aber hemmungslosen Wachstum durch überteuerte Akquisitionen. Der Bilanzleser erkennt das an den wohl weitestgehenden als „Luftposten“ anzusehenden den aktivierten Bilanzposten Geschäftswert (Goodwill) und Kundenbeziehungen, die mit 1,4 Mrd. Euro gut 30% der Aktivseite darstellen.

… ein klarer Beweis für den Dilettantismus der BaFin und möglicher Verquickung mit der Politik

Wir halten fest: Geschädigt sind die einmal mehr die Aktionäre, die beim Zockerpapier zwanzig Milliarden Euro verloren haben und die Anleihezeichner sowie die Banken die wenige Milliarden zu beklagen haben. Ökonomisch sind das in der heuteigen Corona-Krise Zahlen, in der mit Tausenden Milliarden jongliert wird, die niemanden beeindrucken werden.

Viel höher ist der Rufschaden. Insbesondere könnte die peinliche Verquickung mit der Politik – ein Untersuchungsausschuss wird gefordert! – Überraschungen bringen. Denn umsonst wird Berlin in der Vergangenheit wohl keine Werbeleistungen erbracht werden. Im Gegensatz zu den USA (Fälle Enron &Co.) werden in der laschen EU die betrügerischen Manager keine hohen Gefängnisstrafen zu erwarten haben, zumal anders als bei veruntreuten Pensionsgeldern  bei „normalen“ Börsenverlusten kein öffentliches Interesse besteht. https://www.derstandard.at/story/2000118304283/wirecard-parmalat-und-enron-bilanzfaelschung-und-die-folgen.

Das Thema Wirecard ist, Corona hin, wenig Schaden her, noch nicht abgearbeitet und hat noch viel „publizistisches“ Entwicklungspotential.

Autor: Dr. Viktor Heese

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Viktor Heese
Über Viktor Heese 134 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

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