Wirecard-Affäre:

Bei der Wirecard-Affäre haben auch die Analysten versagt. Ein Grund mehr um auch in der Corona-Zeit wegen der Kommerzialisierung der Zunft die Frage nach der Unabhängigkeit der Wertpapieranalyse zu stellen. Die Unterstützung des Marketings eines Finanzproduktes durch den Analysten ist ein legitimes aber auch “propagandaanfälliges” Absatzinstrument, das seit Jahrzehnten praktiziert wird. Es kommt dabei auch hier auf die Objektivität und den Blickwinkel des Betrachters an.

Verzerrungen und Anomalien in der Analystenbranche

1. Analysten weder „Opfer“ noch „Täter“

Es wird oft behauptet, Analysten werden generell zum Spielball der mächtigen Vertriebsinteressen der Bankenhäuser degradiert. Die in den Arbeitsverträgen verklausulierte Loyalität zum Arbeitgeber verlangt das. Die hieraus abgeleitete „Opferrolle“ ist jedoch nicht unbedingt zutreffend. Im Extremfall sind Analysten auch als „Täter“ einzustufen. Temporäre Finanzskandale bringen dies ans Tageslicht. Fälle in denen “ehrliche” Analysten  gefeuert wurden sind eher rar. Die meisten schwimmen mit dem Strom, weil sie gut bezahlt werden.

2. Analysten „Genießer“ ihrer gehobenen Marktstellung Analysten als freiwillige Förderer der Exzesse des Finanzsystems

Analysten genießen die Vorteile ihres Berufsstandes und gelten nicht selten als Unterstützer des Systems anzusehen. Sie dürfen selbst als Tarifangestellte in Analysten-Konferenzen die mächtigen Wirtschaftsbosse dieser Welt live erleben und ihnen kritische Fragen stellen. Von diesem Privileg können die Mitarbeiter analysierter Firmen nur träumen. Sie sehen ihre Chefs oft nur im Fernsehen. Diese Auszeichnung fördert die Selbsteinschätzung und ist ein nicht zu unterschätzender pekuniärer Vorteil des Berufes. Hinzu kommen Nennungen der “Experten” in der Fachpresse und gelegentliche Auftritte im Börsenfernsehen. So manche Leser staunen, dass bekannte Vorstände Zeit für ein Einzelgespräch (One to One-Meeting) mit einem Staranalysten oder Fondsmanager finden. Wie das mit dem Insiderverbot zu vereinbaren ist, ist eine andere Frage.

Durch Opportunismus und Ausnutzung ihrer Stellung fördern viele Berufsangehörige die Verzerrungen des Finanzsystems. Hierzu ein Beispiel der Enthüllungen von Geraint Anderson (2017), eines Ex-Profis, auch unter dem Pseudonym „City Boy“ bekannt. Der Brite hat die moralisch fragwürdigen Vorgänge und Einstellungen unter Londoner Investmentbankern offen gelegt. Für den „Spiegel“ war Anderson „so etwas wie ein Kronzeuge, der Auskunft gibt über Bankenkultur und den Stil, mit dem im bedeutendsten Finanzzentrum der Welt aus Geld gemacht wurde“. Denn zum einen waren die Praktiken bekannt, zum anderen zeigte die Branche selten Schuldgefühle, wenn sie permanent die Kunden übervorteilte.

3. Analysten als aggressive Mitgestalter des Finanzsystems

Die gnadenlose Jagd nach kurzfristiger Rendite wird häufig erst von Analysten und Vermögensverwaltern potenter Häuser wie Goldman Sachs oder BlackRock angezettelt. Ein konservativer Konzern, der keine stillen Reserven ausschüttet oder schmerzliche Kostenreduzierungen (Entlassungen) nicht einleitet, kann schnell unter Beschuss der Zunft geraten. Diese erhebt sich dann gerne zum Anwalt der Anleger und übt Druck auf Vorstand und Aufsichtsrat aus. Infolge rigoroser Management-Umbesetzungen wird eine neue Führungs-Crew eingesetzt, die dem üblen Druck nachkommt. Parallelen zu den Praktiken der Hedgefonds sind nicht zu übersehen. In diesem Kontext zählen auch Analysten zu den aktiven und gefürchteten Akteuren für die renditeschwachen Lenker der Realwirtschaft.

Dennoch: Der Eindruck, die Berufswelt der Aktienanalyse bestehe primär aus Anomalien wäre falsch und einseitig. Die Verzerrungen müssen dennoch genannt werden, um die Informationslücke in dieser Thematik zu schließen. Denn Banken zeichnen immer ein harmonisches Bild, die Fachpresse beleuchtet die Missstände nur sporadisch und der Unbeteiligte erfährt nur wenig darüber, was sich hinter den Kulissen abspielt. Friede, Freude, Eierkuchen.

Der Mehrwert der Branche (Standardsituation im deutschen Aktienresearch)

Wer nur auf heiße Börsentipps aus ist, braucht keine Analysen. Er schaut sich allein die Empfehlungen der Börsenbriefe an oder hört auf den Nachbarn oder einen zuverlässigen Insider. Wer sich darüber hinaus informieren will, studiert die Wertpapieranalysen.

Ungeachtet dessen zählt die Analyse – auch Research genannt – zu den „ruhigsten Bereichen“ im Börsengeschäft. Der Status eines Profit-Centers fehlt das Aufgabenfeld ist nicht klar abgegrenzt. Das Arbeitsklima in der Branche mit seinen Abhängigkeitsverhältnissen und Spannungsfeldern ist nicht wesentlich anders als in der übrigen Finanzwirtschaft, was an niedrigen Fluktuationszahlen und den hohen Bewerberzahlen abzulesen ist.

Der Mehrwert, den das Wertpapier-Research für die allgemeine Finanzkommunikation leistet, konzentriert sich auf drei Hauptpunkte:

1. “Börsenchinesisch” für den Kleinanleger entschlüsseln

Wissenschaftler, Juristen, Techniker, Juristen, Mediziner und auch Wertpapieranalysten bedienen sich der eigenen Fachsprache. Damit wird sichergestellt, dass Sachverhalte weltweit – so das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) in der Aktienbewertung – überall gleich verstanden werden. Auch muss ein Anleger die Fachargumentation seines Beraters verstehen, der wiederum durch Analysten geschult wird. Wer sich ein plastisches Bild über ein unbekanntes und börsennotiertes Unternehmen machen will, der liest am besten zuerst eine fundamentale Kurzstudie, bei Außerachtlassung der dortigen Empfehlung.

Wertpapieranalysten sollen dem Anleger die komplizierten Börsenzusammenhänge näher bringen und helfen die Fachpresse und die Fachmedien  besser zu verstehen. Es wird den Vermittlern dabei nicht immer einfach fallen, in den Publikationen die „Verständnisgrenze“ eines Börsenlaien richtig zu treffen. Nicht alle haben dafür Talent. Hinsichtlich der Qualität der Analysen und Informationsbroschüren herrschen bei Privatanlegern merkliche Meinungsunterschiede. Jede Analyse ist anspruchsvolle Anleger die Vorstufe für das Verständnis der komplizierten Geschäftsberichte.

3. „Kontaktvermittlung“ zwischen dem Top-Management und den Kapitalmarktakteuren

Unternehmenslenker wollen naturgemäß ihre Unternehmen immer im positiven Licht sehen, Analysten sind dagegen diejenigen, die öffentlich kritisieren dürfen. Dadurch entstehen erst eine ausgewogene Meinung und ein Gegengewicht zum Meinungsmonopol der Vorstände. Viele bekannt gewordene Affären wurden zuerst durch engagierte „investigative“ Analysten aufgedeckt. Im Unterschied zu einigen Wirtschaftsjournalisten verfügen Analysten über profunderes Fachwissen.

Die S.W.O.T.- Matrix des Berufsbildes

Die beschriebenen Pros und Cons des Analystenberufes lassen sich in einer Art von S.W.O.T.- Matrix zusammenfassen. Dieses von der Harvard Business School in den 1960er Jahren entwickelte Instrument des Strategischen Managements und der Marketingstrategien zeigt wichtigste Stärken, Schwächen, Risiken und Chancen einer Unternehmung oder Branche und wäre u. E. auch auf die Beschreibung des Berufsbildes des Fundamentalanalysten anwendbar.

Stärken

attraktives Gehalt

breite Einsetzbarkeit im Investmentbanking

Geltung (Analystenkonferenzen, Fachpresse)

Propädeutik der Börsenthemen

Chancen

gutes Karrieresprungbrett

häufiger Arbeitgeberwechsel unschädlich

Kontaktmöglichkeiten (Veranstaltungsdichte)

Schwächen

Innerbetriebliches Abhängigkeiten (Vertrieb)

oft ethische Bedenken (Opportunismus verlangt)

Risiken

Konjunkturabhängig (Abteilungsschließung)

Interessenskonflikte mit bewerteten Emittenten

Wie gezeigt, birgt der Beruf eines Aktien- und Wertpapieranalysten viele Facetten. Bei den bald anstehenden DAX-Prognosen 2017 werden viele wohl mit dem Strom schwimmen und von einem steigenden Index ausgehen.

Viktor Heese
Über Viktor Heese 142 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

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