Wann sind Aktien „billig“? Wann sollten sie gekauft werden?

Anleger richten sich beim Aktienkauf entweder nach der Fundamental- oder nach der Chartanalyse. Während die erste nach „billigen“ Aktien sucht, versucht die zweite die Top-Titel aus dem bisherigen Kursverlauf zu erklären, indem sie „Kauf- und Verkaufsignale“ identifiziert. Nach der Fundamentalanalyse sind Aktien „billig“, wenn sie gute Bilanzkennzahlen aufweisen. Diese Indikatoren sind mit den Kurschancen aber nicht identisch. Denn wie im täglichen Leben, steigt im Preis nicht alles was „billig“ und es fällt nicht alles was „teuer“ ist. Wie die fundamentale Anlagepraxis das Problem „billig“ und „kaufen“ löst, wird in diesem Beitrag gezeigt.

Gute Bewertungskennzahlen, wie KGV & Co., liefern nur zu oft schlechte Kursergebnisse

Oft hören wir, die Aktie X sei zu kaufen, weil sie ein günstiges Kurs-Gewinn-Verhältnis ( KGV) hat und „billig“ ist. Wenn VW 2016 etwa 5,1 Mrd. € verdiente und 501 Mio. Aktien besitzt, kommen wir auf ein Ergebnis je Aktie von ca. 10,3 €. Bei einem Kurs von 145 € ergibt sich ein KGV von etwa 14. Damit ist VW günstiger bewertet als die Mehrzahl der DAX-Titel. Der Leser merkt, dass der Kehrwert des KGV die Rendite ist. Ein KGV von 14 entspricht dann einer Rendite von 7,2%. Daraus folgt, je niedriger das KGV, desto höher die Rendite und desto interessanter die Aktie. Es wäre jedoch zu banal alle Titel mit dem niedrigsten KGV heraussuchen und auf sprudelnde Kursgewinne zu warten. Wer vor fünf Jahren danach vorging, erlitt absolute und – im Vergleich zum DAX – relative Verluste (Graphik). Die „teure“ Fresenius-Aktie mit einem KGV von 22 legte 170% zu, die „billige“ Deutsche Bank mit einem Wert von gerade 7 verlor 50%. Weil die Empfehlung „kaufe billige Aktien dennoch manchmal klappt. Das alles verwirrt unseren fundamental orientierten Anleger. Es wird auch nicht besser, wenn er für seine Entscheidung neben dem KGV noch andere Kennzahlen hinzufügt, wie z.B. das KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) oder das KUV (Kurs-Umsatz-Verhältnis), die auf das Eigenkapital oder den Umsatz abstellen. Weniger ist mehr. Chartanalysten machen sich über die fundamentalen Kollegen oft lustig und verhöhnen die Methode als „Erbesenzählerei“.

boerse

Eine fundamentale Kauf-Begründung basiert nicht allein auf Kennzahlen

Die Fundamentalanalyse besteht nicht nur aus Kennzahlen. Interessante Geschäftsmodelle, Top-Dividenden, Branchen und Mega-Themen (Technologie, Energie, Rohstoffe), Weltmarken (Favoriten der US-Fondslegende Warren Buffet), Wachstumstitel (Digitalisierung) oder Übernahmekandidaten (Xing, Time Warner) sind ebenso fundamentale Kauf-Kriterien. Aktien aus dieser Kategorie machten in der Vergangenheit oft das Rennen, obwohl sie schlechte Bilanzzahlen aufwiesen. Ihnen ist gemeinsam, dass die Kaufempfehlung auf qualitativen und subjektiven Argumenten basiert, was oft Glücksache ist – einmal dient die Übernahme als Grund für steigende, ein anderes Mal für fallende Kurse. Anleger tun gut sich einem Langfristtrend anzuschließen und nicht viel zu fragen. So werden sie auch an den Kurssteigerungen von Google, Yahoo oder Facebook partizipieren, denen Geschäftsmodelle als brillant empfunden werden.

Das Dilemma des informierten Anlegers: Was ich nicht messen kann, daran muss ich glauben?

Diese Subjektivität stört Anleger, die von einer Methode träumen welche chancenreiche Aktien eindeutig zu identifizieren erlaubt. Sie möchten alles messen und bewerten können und ihre Wahl nicht dem puren Glauben und den Analysten überlassen. Dabei wollen sie es oft nicht wahr haben, dass „Erbsenzählerei“ und strenge Kennzahlengläubigkeit auch nicht Ziel führend sind.

Viktor Heese
Über Viktor Heese 132 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*