Neues Druckmittel gegen die USA im Entstehen: In Nikaragua wird ein russisch-chinesischer Kanal gebaut

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Der Kanal mitten durch Mittelamerika wird – unbemerkt von den europäischen Medien – doch noch Realität. Die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit des Projektes ist unbestritten, sicherheitspolitisch ist er aber für die USA eine Katastrophe. Ausgerechnet Rot-China sichert sich als Finanzier und Betreiber der Wasserstraße für 50 Jahre (mit Verlängerungsoption) die wirtschaftliche Nutzung und Russland, das offiziell für die Sicherheit der Schifffahrt verantwortlich zeichnet. einen militärischen maritimen Stützpunkt. Erinnerungen an die Kuba-Krise von 1962 werden wach.

Lange Zeit unklare Informationslage über den Baufortschritt – es soll augenblicklich losgehen

Nach der Unterzeichnung des geheimen internationalen Privatvertrages Ende 2014 war es Jahre lang auffällig ruhig um das Megaprojekt. Alle warteten auf den “ersten Spatenstich“, spekulierten wild zwischendurch, die Ökologen, Menschenrechtler und Klimaschützer tricksten mit falschen Gutachten und mobilisierten dagegen. Auch eine ökologisch warnende Bachelor-Arbeit wurde geschrieben https://www.researchgate.net/publication/319357494_Die_okologischen_Folgen_des_Baus_des_Nicaragua-Kanals . Der chinesische Großinvestor und Milliardär Wang Jing wegen anderer Geschäften Pleite, seine Entwicklungsgesellschaft HK Nicaragua Canal Development schwieg beharrlich, die US-Administration guckte tatenlos zu. So vergingen hin und her 7 Jahre.

Heute soll es mit dem feierliche Beginn endlich soweit sein, wie das offizielle Länderinformationsportal mitteilt https://www.nicaraguaportal.de/politik-und-wirtschaft/nicaragua-kanal/. Warum so spät?

Dazu heißt es in den Medien, China binde den Kanal jetzt als Druckmittel in seinen handelspolitischen Kampf gegen Washington ein, Russland habe auf der Krim und in Syrien „konsolidiert“ und besitze freie Kapazitäten für eine Expansion und in Nikaragua wurde Alt-Präsident Daniel Ortega wiedergewählt. Der Altsandinist wurde daraufhin von den USA sanktioniert https://www.dw.com/de/usa-lassen-staatschef-ortega-nicht-ins-land/a-59.

Das half anscheinend nicht, denn im Weißen Haus herrsche helle Aufregung wegen Nikaragua. Letztendlich haben die US-Präsidenten Obama, Trump die Gefahr ignoriert – es hatte sich ja angeblich immer nur um ein „Phantomprojekt“ https://www.blickpunkt-lateinamerika.de/artikel/nicaragua-kanal-das-ende-eines-phantom-projekts/ gehandelt – und Biden die letzte Chance eines Baustopps verschlafen. Bei Nordstream 2 war, wenigstens zwei Jahre vor der Fertigstellung, die Lage völlig anders.

 Die politische Dimension eines Jahrhundertprojektes:

Gefährlicher als Nordstream 2?

Während mit Nordstream 2 sich nur eine vage gedankliche „Interessenbedrohung“ der USA, der NATO und Westeuropas konstruieren ließ, ist der Vertrag zwischen Nikaragua, China und Russland ein ganz anderes Kaliber. Beim Pipeline-Großprojekt wurde mit der Abhängigkeit Europas von Russlands Lieferlaunen und der den lebensnotwendigen Devisenzufluss für die imperialen Ziele des Kremls argumentiert – beides unglaubwürdige Belege, erwies sich doch Moskau stets vertragstreu. Aufgrund seiner Finanzstärke ist es zudem – bis auf das Krisenjahr 1998 in Spät-Jelzin-Ära – zu keinem Zeitpunkt von westlichem Finanzen abhängig gewesen.

Formal juristisch wird gegen zwei Großmächte schwer anzugehen sein, zumal der Marinestützpunkt ja offiziell keine Militärbasis mit Kriegsschiffen ist, sondern ein Stützpunkt der von privaten russischen Sicherheitsfirmen betrieben wird. https://www.youtube.com/watch?v=BowjDgNiTTA.

Die Gefahr ist evident. Mit dem Kanal sichern sich Russland und China in der Aura des internationalen Rechts und unter dem Deckmantel von Wirtschaftsprojekten nach Kuba und Venezuela einen dritten Stützpunkt in Mittelamerika, direkt vor der Haustür der USA.

Exkurs: Die russische militärische und wirtschaftliche Präsenz in Venezuela

Caracas ist in 2005-2017 unter Chavez und Maduro mit 11 Mrd. USD zum größten Käufer russischer Militärausrüstung in der westlichen Hemisphäre geworden. Die Einkaufsliste ist überlang  https://www.kommersant.ru/doc/3861747. Es wurden an die Südamerikaner Panzer, Kampfflugzeuge, Militärtransporthubschrauber, Kampffahrzeuge, Grad- und Raketenabwehrsysteme geliefert, die mit Krediten bezahlt werden. Russlands ist Venezuelas größter Gläubiger und wird einer Stundung der Kreditrückzahlung bereitwillig zustimmen. Auch mehrjährige Verträge über Ersatzteillieferungen, Wartungen und Instandhaltung des Kriegsgerätes sowie den Bau einer Fabrik für Sturmgewehre (Kalaschnikow) sollen abgeschlossen worden sein.

Eine Militärbasis a la Guantanamo und physische Militärpräsenz im Lande fehlen jedoch.

Den weltweit nicht unüblichen Lieferungen folgte die Kooperation im Energiesektor: Staatskonzerne Lukoil, Rosneft, Gazprom, und Surgutneftegaz beteiligten sich am Konsortium mit der Öl- und Gasgesellschaft PDVSA. Waffenlieferungen gegen Öl, heißt auch hier die altbekannte Devise https://www.bpb.de/internationales/europa/russland/analysen/327201/kommentar-geopolitik-waffen-erdoel-was-russlands-praesenz-in-venezuela-bedingt.

 

Die wirtschaftliche Dimension:

Eine sinnvolle Investition, vor 500 Jahren noch eine Vision

Von der Vorteilhaftigkeit des Vorhabens war schon der deutsche Kaiser Karl V. im Jahr 1539 überzeugt, der den gefährlichen Überlandweg des geraubten Inka-Goldes scheute.

Die wichtigsten technische Pros aus heutiger Sicht sind dagegen:

  1. Der neue Kanal von geplanten Länge von 278 Km – davon 105 Km im Nicaragua-See – soll den technisch überholten Panama-Kanal (82 Km) ergänzen/ersetzen, da er breiter (bis 530 versus 55 Meter) sein wird und einen größeren Tiefgang (bis 30 Meter versus 18 Meter) haben wird.
  2. Durch den interozeanischen Kanal werden bis 5.100 Containerriesen der sog. Post-Panama-Klasse von einer Ladekapazität von bis 400.000 Tonnen (Panama-Kanal 150.000 Tonnen) oder 25.000 TEU–Containerkapazität (Panama-Kanal 13.000 TUE) durchfahren können.
  3. Für den Panama-Kanal ist das neue Vorhaben eine echte Konkurrenz. Zwar fahren 98% der Containerschiffe von Europa nach Asien noch über den Suezkanal aber im Falle von Störungen (Havarie, Wartezeiten, Piraterie) – wie zuletzt bei der „Ever Given“ – könnten Reeder über die Nikaragua-Alternative und die Polarmeer-Passage, die eine Fahrtverkürzung um 6 Tage bringt, nachdenken.

Die wichtigsten ökonomische Pros aus heutiger Sicht sind dagegen:

  1. Für Nikaragua: Es sollen bis 250.000 Arbeitsplätze in der Kanal- und der angrenzenden 1o Km breiten Wirtschaftszone entstehen, die für zweitärmste Land Lateinamerikas mit einem 5.650 USD (2019) BIP pro Kopf und knapp 7 Millionen Einwohnern viel wichtiger sind als die geringe Kanalnutzungsgebühr von 10 Mio. €.
  2. Für den Welthandel: Durch den Panama-Kanal gehen heute 6% des globalen Handels der übrigens zu 90% über Wasser erfolgt – über den noch alternativlosen Suez-Kanal sind dreimal mehr – und 23% des chinesischen sowie 16% des japanischen Welthandels. Wird um die 2026 der Nikaragua-Kanal fertiggestellt, ist klar, dass die Chinesen ihren Handel und notgedrungen die Containerriesen ihn nutzen werden. Auch wäre die Route von China nach Europa über Nikaragua um etwa 1.000 Km kürzer. https://www.wiwo.de/unternehmen/handel/suezkanal-panamakanal-und-co-das-sind-die-wichtigsten-wasserstrassen-der-welt/27044478.html.
  3. Für Russland: die Vorteile sind nicht so einfach kalkulierbar, wenngleich sie sich ihren „Sicherheitsservice“ gut bezahlen lassen werden, vom politischen Vorteil ganz zu schweigen.

Nachteile:

Die in der Literatur massiv überdimensionierten und oftmals politisierten Nachteile des Projektes sind unter anderem in einer informativen Präsentation von genannt worden, wenngleich wie gehabt eine Abwägung dort nicht erfolgt war.  https://docplayer.org/52113160-Der-grosse-interozeanische-kanal-nicaraguas-traum-oder-albtraum.html.

Auch wäre eine Zuordnung zu den Vor- bzw. zu den Nachteilen oftmals strittig: Jeder Enteignungspreis kann zu niedrig sein. Daneben werden auch die Baukosten von 50 Mrd. USD bis 100 Mrd. USD als zu hoch angesehen, eine angemessene Renditerechnung fehlt aber. Wie bei Nordstream 2 kümmern sich plötzlich hartnäckigen Kapitalismusgegner um die Rendite privater Gelder! Bei dem was heute der Panama-Kanal an Gebühren verdient wird ist eine Rendite von knapp 2% jährlich zu erwarten. Diese ist nicht so wichtig, wie das Geschäft rundherum (Tourismus).

Auch für die potentielle Umwelt- und Klimaschäden fehlt die fundierte Gegenrechnung. Der Co2-Asstoß wird reduziert, wenn weniger Schiffe die Weltmeere verschmutzen. Darüber wurden häufig ökonomische mit den politischen „Nachteilen“ garniert, wenn von „der Furcht vor Chinas Vormacht“ oder von der Gefahr, dass „der wirtschaftlichen Hilfe können bald Soldaten“ folgen, gesprochen wird.

Gerade die Südamerikaner die nach der Monroe-Doktrin von 1823 (Amerika den Amerikanern) über Jahrzehnte unter den US-Interventionismus (Militärdiktaturen, Putsche) und wirtschaftlicher Unterwerfung (finanzielle Drangsalierung) „litten“, könnten da andere Prioritäten setzen. Die Bananenrepublik Nikaragua war z.B. von 1912 bis 1933 de facto eine US-Kolonie. Auch das Deutsche Reich intervenierte 1878 hier militärisch kurzfristig in Nikaragua. Die guten Beziehungen zu Russland resultieren dagegen noch aus Sowjetzeiten als das rote Imperium in den 1970er Jahren die sandinistische Befreiungsbewegung gegen Diktator Somoza unterstützte.

Fazit:

Der Panama-Kanal ist auch nach der Übergabe an Panama in 2000 de facto unter US-Kontrolle. Er kann im Falle eines globalen Konfliktes, auch eines Handelskonfliktes, blockiert werden. Darüber hinaus wird er angesichts der Gigantomanie im Containerschiffbau immer weniger rentabel. Daher ist das neue Kanalprojekt über Nikaragua durchaus konkurrenzfähig. Seine Betreiber China und Russland gewinnen dabei wirtschaftlich und militärisch Terrain direkt im Vorgarten der USA. Die Situation kann eskalierend werden, sollten die USA versuchen das Projekt mit Machtmitteln zu stoppen. Das Duo Russland & China ist nicht der Iran. Nikaragua ist auch nicht Deutschland, wo Gerichte in laufende Verträge, wie bei Nordstream 2, eingreifen würden.

Viktor Heese
Über Viktor Heese 154 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

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