Muss die Apobank ein zweites Mal gerettet werden?

Chronik eines „Projekts“: Wie die Apobank ins Chaos stürzte

9. Juni 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Als Stephan Mommsen (Name geändert) am Dienstagabend vergangener Woche wieder in sein Online-Banking kommt, traut er seinen Augen nicht. Denn vor ihm auf dem Bildschirm erscheint ein Konto, das er noch nie gesehen hat. Mommsen, ein langjähriger Kunde der Apobank, klickt also. Und stellt zu seiner Verblüffung fest: Es handelt sich um das Konto eines anderen Kunden. Aber nicht irgendeines Kunden. Sondern: Mommsen kennt den Mann. Sie haben in den Nullerjahren gemeinsam Medizin studiert, haben damals zeitweise in derselben WG gelebt – und sind in jener Zeit im Abstand von wenigen Monaten beide Apobank-Kunden geworden.

So jedenfalls wird es Mommsen – dessen richtigen Namen wir kennen und dessen Identität wir überprüft haben –später glaubhaft der Finanz-Szene.de-Redaktion berichten.

Was ist denn hier los? In Mommsens Kopf rattert’s nun natürlich. Ist das alles ein irrsinniger Zufall? Oder ist es die gemeinsame Vergangenheit, genauer: die gemeinsame ehemalige Adresse, die ihn jetzt das Konto seines früheren WG-Kumpels sehen lässt? Na, wahrscheinlich Letzteres, denkt sich Mommsen, der im Gespräch mit Finanz-Szene.de einen durch und durch rationalen Eindruck macht. Doch was auch immer die Erklärung sein mag – es bleibt die Frage: Wie, um alles in der Welt, konnte das eigentlich passieren?

Ja – wie konnte das alles eigentlich passieren, liebe Apobank? Diese Frage stellen sich dieser Tage nicht nur Stephan Mommsen, [sein ehemaliger WG-Kumpel?] und unzählige andere Kunden. Sondern diese Frage stellt sich auch die deutsche Banking-Community. Seit Anfang letzter Woche schaut sie mit großen Augen auf die Apotheker- und Ärztebank, mit einer Bilanzsumme von 49,6 Mrd. Euro das größte genossenschaftliche Primärinstitut hierzulande.

Nur noch mal zur Erinnerung: Wie sich mittlerweile herumgesprochen hat, wollte die Apobank am Pfingstwochenende ihren rund drei Jahre lang vorbereiteten Wechsel des Kernbanksystems vollenden. Um was für einen finanziellen Kraftakt es sich bei dieser Operation handelt, hatten wir Ihnen im Vorfeld der IT-Migration ja schon geschildert (siehe hier). Inzwischen allerdings weiß

man: Der Wechsel des Kernbanksystems wird die Apobank nicht nur viele Hundert Mio. Euro kosten. Sondern auch einiges an Reputation.

Schließlich herrschte, nachdem am vergangenen Dienstag, 9 Uhr, die Systeme eigentlich wieder laufen sollten, erst einmal ein tagelanges Chaos. Kunden kamen nicht an ihre Konten, Support-Hotlines waren heillos überlastet, Automaten spuckten kein Geld mehr … Selbst der unglaubliche Fall des Stephan Mommsen klang nicht mehr ganz so unglaublich, wenn man las, was das Fachportal „Apotheke Adhoc“ berichtete: Die Präsidenten mehrere Apothekerkammern hätten nach der IT-Umstellung „über ihren privaten Account plötzlich Zugriff auf verschiedene Konten ihrer jeweiligen Kammer“ gehabt.

Selbst gestern Abend, knapp eine Woche nach der IT-Migration, stand auf der Website der Apobank weiterhin zu lesen: „Es funktioniert noch nicht alles so, wie Sie es erwarten dürfen.“

Also nochmal: Wie konnte das passieren? Dieser Frage ist Finanz-Szene.de in den vergangenen Tagen nachgegangen, hat mit Betroffenen, Insidern und Fachleuten gesprochen. Lesen Sie als Ergebnis dieser Recherchen nun hier:

Wie die Apobank ins Chaos stürzte – eine Chronik in zehn Akten:

1. Akt: Die Scheidung

Dem Chaos voraus geht ein Coup. Es ist der 30. September 2017, als die „Börsen-Zeitung“ berichtet:

„Im Wettbewerb um den Auftrag für das künftige IT-System der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apo-Bank) hat sich das Schweizer Softwarehaus Avaloq gegen die wie die Apo-Bank zur genossenschaftlichen Finanzgruppe gehörende Fiducia & GAD IT durchgesetzt.“

Von einer „verbundpolitisch brisanten“ Entscheidung schreibt die „BÖZ“, was eine sehr zurückgenommene Formulierung ist. Denn in Wahrheit: Darf man das, was die Apobank mit dem genossenschaftlichen Bankensektor macht, als Ehebruch auf offener Bühne bezeichnen.

Dazu muss man wissen: Die Apobank ist zwar eine Genossenschaftsbank, sie gehört ihren rund 116.000 Mitgliedern, also Apothekern, Ärzten und sonstigen Heilberuflern. Mit dem deutschen Volks- und Raiffeisenbankertum als solchem wollten die Düsseldorfer Standesbanker allerdings nie wirklich was tun haben. Stattdessen sah sich die Apobank lieber als eine Art Privatbank, trotz wuchtiger 480.000 Kunden.

Ihrer genossenschaftlichen DNA erinnert sich das Institut so richtig erst 2009. Da kommt heraus, dass sich die in ihrem Stammgeschäft sehr erfolgreiche Apobank mit riskanten Wetten auf den amerikanischen Immobilienmarkt verspekuliert hat. Folge: Der genossenschaftliche Verbund muss das Düsseldorfer Spezialinstitut retten – und geht davon aus, dass sich die Apobanker hierfür künftig dankbar zeigen werden. Stattdessen kündigen diese acht Jahre später die Zusammenarbeit mit der Fiducia & GAD auf.

Nun gehören zum Fremdgehen immer zwei. Beziehungsweise drei. Denn die Fiducia & GAD, also der zentrale IT-Dienstleister des genossenschaftlichen Bankensektors, war für die Apobank kein einfacher Partner, sagen Leute, die das Innenleben dieser Beziehung kennen. Aus ihrem Status als größtes deutsches Genoinstitut glaubte die Apobank ein Anrecht auf eine Spezialbehandlung ableiten zu können, heißt es. Wie ein Privat- unter Kassenpatienten. Stattdessen habe es jedoch oftmals nur „den Standard-Support gegeben, wie ihn jede x-beliebige Volks- und Raiffeisenbank da draußen auch bekommt“, berichtet ein Eingeweihter. Das Knirschen in der Beziehung sei deutlich zu vernehmen gewesen …

2. Akt: Der neue Partner

… und wie es halt manchmal so geht im Leben, da ist die Banking-Szene nicht anders als die Ü40-Disco: Irgendwann läuft der selbstgewissen Apobank der Schweizer Finanzsoftware-Anbieter Avaloq über den Weg. Keine klassische Schönheit. Aber doch eine interessante Partie. Vielleicht sogar so ein ganz klein bisschen verrucht. Jedenfalls gemessen an dem, was die Apobanker von zuhause kennen. Also gemessen an der faden Fiducia & GAD.

Nur mal zum Vergleich: Der Claim der Fiducia lautet „Zukunftserfahren“. Der Claim von Avaloq hingegen „Simplicity for a new era“. Da weiß man ja schon ungefähr, woran man ist …

Schon vor der Apobank hat Avaloq im deutschen Bankenmarkt den ein oder anderen Fang gemacht. Die Quirin Bank gewinnt man als Kunden. Die „V-Bank“ genannte „Bank der Vermögensverwalter“. Und die Berliner Tradegate. Alles nicht schlecht. Aber halt noch nicht das richtig große Ding. Das soll Mitte 2014 kommen: „BHF Bank setzt auf Avaloq Banking Suite“, wird damals stolz verkündet. Zwei Jahre später allerdings platzt – noch vor dem Go-Live – die Kooperation: „BHF-Bank beendet Zusammenarbeit mit Avaloq.“

Die Schweizer, so scheint es, ist der ersehnte Durchbruch auf dem deutschen Markt verwehrt geblieben. Doch dann kommt die Apobank.

3. Akt: Alltag in der neuen Partnerschaft

Ein Wechsel des Kernbank-Anbieters ist ein teures, komplexes und in vielerlei Hinsicht schwer zu kalkulierendes Unterfangen. Mit anderen Worten: Wer seinen Kernbank-Anbieter wechselt – der braucht dafür triftige Gründe.

Die Argumentation des Apobank-Managements geht 2017 grob gesagt wie folgt: Der bisherige Anbieter war ja eigentlich gar nicht die Fiducia & GAD. Sondern die alte GAD. (Kurzer Exkurs für diejenigen Leser, die sich im Geno-Sektor vielleicht nicht ganz so gut auskennen: Genau wie es bis vor wenigen Jahren zwei genossenschaftliche Zentralinstitute gab, nämlich neben der DZ Bank auch noch die WGZ Bank, so gab es auch zwei zentrale IT-Dienstleister, nämlich die Fiducia und die GAD; erst 2015 erfolgte deren Zusammenschluss). Da nun aber die alten GAD-Kunden auf das neue System der Fiducia & GAD umsteigen müssen und dieses neue System sehr stark an das alte Fiducia-Systen angelehnt ist, steht der Apobank so oder so eine IT-Migration bevor. Warum dann also nicht gleich zu einem komplett neuen Anbieter wechseln?

Die Argumentation klingt schlüssig. Zumal das Avaloq-System als sehr flexibel für die Bedürfnisse unterschiedlicher Anbieter gilt und sich die Apobank als künftiger Vorzeigekunde von Avaloq genau jene Wertschätzung erhofft, die man bei der Fiducia & GAD bisweilen vermisst.

Kann es trotzdem sein, dass das Management die Tragweite seiner Entscheidung unterschätzt?

Der Erfolg der Apobank beruht darauf, dass sie über die Jahre und Jahrzehnte für eine sehr spezielle Klientel sehr spezielle Angebote entwickelt hat – mit der Folge einer heutzutage monopolähnlichen Marktposition. Der hohe Grad der Spezialisierung schlägt sich allerdings auch in sehr speziellen Anforderungen an die IT-Architektur nieder, sagen Experten. Die Apobank ist nicht einfach nur eine große Volksbank mit Geschäftskunden, die halt zufällig weiße Kittel tragen. Sondern: Die Apobank ist eine Geldinstitut sui generis. Und dieses Geldinstitut sui generis trifft nun auf einen Software-Anbieter, der zwar international bekannt ist, im deutschen Markt aber noch kaum Referenzen vorweisen kann.

Die Avaloq-Leute jedenfalls sind gerade mal ein paar Monate im Haus, da berichtet das (manchmal etwas reißerische, aber meist auch sehr gut informierte) Schweizer Finanzportal „Inside Paradeplatz“ im Frühjahr 2018  unter dem Motto „Deutsche wollen Rolls-Royce, Schweizer liefern VW Käfer“ bereits von grundlegenden Schwierigkeiten in der neuen Partnerschaft: „Das Problem sind diametral auseinander laufende Erwartungen. Die Avaloq will ihre Standard-Lösung einführen, die ApoBank verlangt eine genaue Kopie ihrer heutigen Spezialanforderungen. Beides passt überhaupt nicht zusammen. In Workshops fühlen sich Avaloq-Teilnehmer wie auf einem anderen Planeten.“

„Inside Paradeplatz“ unterlegt die Behauptungen damals mit Zeugenaussagen und internen Dokumenten – doch die beiden Unternehmen wiegeln ab: „Das Apobank-Projekt geht planmäßig voran, die Komplexität war von Anfang an bekannt und wir arbeiten sehr eng und vertrauensvoll mit der Bank und unseren Projektpartnern zusammen“, sagt ein Avaloq-Sprecher. Aus der Apobank heißt es seinerzeit: „Das Projekt geht planmäßig voran und die Zusammenarbeit mit Avaloq und unseren Projektpartnern ist sehr eng und vertrauensvoll.“

4. Akt: Ein Projekt? Zwei Projekte? Viele Projekte!

Am 12. Februar 2020 überrascht die Apobank die Öffentlichkeit mit folgender Mitteilung:

„Nachdem die apoBank sich bereits für die Avaloq Banking Suite als neues Kernbankensystem entschieden hat, hat sie nun darüber hinaus die Entscheidung getroffen, künftig für die Wertpapierabwicklung auch BPaaS-Dienstleistungen von Avaloq zu beziehen.“

Okay, denkt man im erste Moment – es wird neben der IT-Migration also künftig noch ein zweites Avaloq-Projekt bei der Düsseldorfer Spezialbank geben. Die Mitteilung allerdings geht noch weiter:

„Aktuell befinden sich beide Partner hierzu in der Vorbereitung. In der Folge wird Avaloq auch einen weiteren Standort in Düsseldorf, neben Berlin und Leipzig, eröffnen und 75 Mitarbeiter der apoBank übernehmen.“

Was? Avaloq eröffnet jetzt sogar ein Düsseldorfer Büro? Und 75 Apobank-Mitarbeiter arbeiten künftig für Avaloq?

Ja, so ist es. Wobei die Nachricht für Insider weit weniger überraschend kommt als für die breite Öffentlichkeit. Schon ein Jahr vorher nämlich, im März 2019, ist im Handelsregister ein neues Unternehmen aufgetaucht. Es nennt sich „DSP Düsseldorf Securities Processing GmbH“, und der „Gegenstand“ der Gesellschaft wird wie folgt angegeben:

„Die Erbringung von Services im Zusammenhang mit der Abwicklung von Handelsgeschäften (insbesondere in Wertpapieren, Namenstiteln, Devisen, Derivaten und in jeglichen sonstigen Finanzinstrumenten) und Geldgeschäften. Dies umfasst insbesondere die Bearbeitung von Geschäftsabschlüssen einschließlich nachgelagerter Dienstleistungen sowie die technisch-administrative Unterstützung für Verwahrdienstleistungen in Bezug auf Wertpapiere und Immobiliensondervermögen. […]

Die Finanz-Szene.de-Recherchen zeigen: Bei der neuen Gesellschaft handelt es sich zum damaligen Zeitpunkt um eine 100%ige Tochterfirma der Apobank, geführt wird sie von zwei (ehemaligen) Apobank-Managern. Allerdings steht bei der Ausgründung bereits fest, dass die „DSP Düsseldorf Securities Processing GmbH“ später einmal komplett auf die Avaloq übertragen werden soll. Es ist exakt jene Unternehmung, das nun zum Düsseldorfer Standort des Schweizer Software-Hauses mutiert.

Die Idee dahinter: Als eine der wenigen deutschen Banken betrieb die Apobank ihre Wertpapierabwicklung noch selber. Andere Institute lassen diese Dienstleistung längst von externen Spezialisten wie der dwp Bank erledigen. Die Kooperation mit Avaloq klingt aus Sicht der Apobank nun nach einem eleganten Weg, die Handelsabwicklung ebenfalls auszulagern. Während sich umgekehrt Avaloq mit der neuen Einheit hierzulande ein weiteres Geschäftsfeld erschließen kann. Und mit der Apobank schon den ersten Referenzkunden hat.

Alles gut also? Vielleicht. Trotzdem bleiben Fragen: Inwieweit wurden die beiden Projekte miteinander vermengt? Und inwieweit entstanden dadurch möglicherweise zusätzliche Komplexitäten und Verwicklungen? Nein, „diese Transaktion hatte keinen Einfluss auf die Komplexität des IT-Migrationsprojekts“, heißt es bei Avaloq. Die Apobank will zu diesen anderen Fragen, die im Zuge unserer Recherche aufkamen, nicht öffentlich Stellung. 

Was jedenfalls auffällt: Die Apobank mutet in den letzten Jahren wie ein einziges Großprojekt an. Das gilt für das „Frontend“, wo es ehrgeizige Digitalinitiativen (ein Stichwort: Naontek AG) zu bestaunen gibt und wo sich die Apobank peu à peu vom Finanzdienstleister für die Gesundheitsbranche zu einem mächtigen Player in der Gesundheitsbranche wandelt (siehe unser Stück „Der geheime Schatz der Apobank“ aus dem Dezember 2018).

Es gilt aber auch für Bereiche, die das Publikum nicht sieht. So laufen bzw. liefen zuletzt parallel zu den Avaloq-Projekten noch zwei weitere Großprojekte. Nämlich zum einen – das ist öffentlich bekannt – die Umstellung von HGB auf IFRS. Und zum anderen – so hat es Finanz-Szene.de in Erfahrung gebracht – die Umstellung des Meldewesens. Diese wurde offenbar im Zuge des Abschieds von der Fiducia & GAD nötig. Neuer Dienstleister hier: Bearing Point mit seiner Abacus-Lösung.

Keine Frage: Die Apobank hat sich zuletzt ziemlich viel zugemutet.

5. Akt: Die Kostenexplosion

„Im Herbst 2017 fiel die Entscheidung, unsere Kern-IT zukünftig von dem Schweizer Anbieter Avaloq abbilden zu lassen. Für einige Beobachter kam diese Richtungsentscheidung etwas überraschend. Daher ist es mir nochmal wichtig herauszustellen, dass wir unseren Auswahlprozess sehr intensiv vorbereitet haben und das Für und Wider aller Optionen sorgfältig abgewogen haben.“

So erklärt es Apobank-Chef Ulrich Sommer den Mitgliedern bei der Vertreterversammlung im Juni 2018. Es ist eines der beiden Credos, die von Anfang an und bis in den Juni 2020 hinein gelten: Wir wissen, was wir da tun. Das andere Credo lautet: Es läuft alles nach Plan.

Letzteres gilt auch noch, als die Apobank im März 2020 (wegen „Corona“ bereits im Remote-Modus) ihre Bilanz-Pressekonferenz abhält. Da nämlich geht es in erster Linie um die Frage, wie viel Dividende die Standesbank ausschütten will – während der bevorstehende IT-Umzug keine große Rolle spielt. Das ändert sich erst, als Finanz-Szene.de wenige Wochen später den mittlerweile zugänglichen  2019er-Abschluss entdeckt. Dort nämlich heißt es (Fettungen unsererseits):

  • „Der Sachaufwand inklusive Abschreibungen stieg dagegen sehr deutlich auf 423,9 Mio. Euro (2018: 325,2 Mio. Euro). Maßgeblich hierfür waren Aufwendungen für die IT-Migration, höhere regulatorische Aufwendungen sowie Investitionen zur Optimierung unserer Kreditprozesse und für strategische Projekte. Der Anstieg im Sachaufwand lag vor allem wegen der Kosten für die IT-Migration deutlich über seinem Planwert.“
  • „Der Verwaltungsaufwand wird 2020 maßgeblich von den Investitionen in die IT-Migration bestimmt. Ohne die Kosten der IT-Migration ginge der Aufwand sehr deutlich zurück. Unter Berücksichtigung der Umstellungskosten wird der Sachaufwand spürbar steigen.“
  • Zudem ist [in 2020] zur Gegenfinanzierung der IT-Migration eine Ausschüttung aus unseren Spezialfonds möglich.

6. Akt: Scharen von Externen, überfüllte Büros – und dann …

Warum haben die Kosten 2019 die Planungen gesprengt? Und warum rechnet die Apobank für 2020 sogar mit einer weiteren deutlichen Steigerung?

In der schon erwähnten Rede vor der Vertreterversammlung Mitte 2018 hatte Vorstandschefs Sommer gesagt: „Insgesamt arbeiten derzeit 30 apoBänker ausschließlich für das Projekt. Mehr als 200 weitere Mitarbeiter unterstützen aktuell das Projekt neben ihrer originären Tätigkeit in der Bank. Diese Anzahl wird sich bis zur heißen Phase des Projekts, Ende 2019/ Anfang 2020 voraussichtlich nochmals verdoppeln.“ Macht also mehr als 400.

Bloß: Dabei handelte es sich Sommer zufolge ja um interne Kräfte. Sie erklären nicht den brutalen Anstieg des Sachaufwands von 325,2 Mio. Euro (2019) auf 423,9 Mio. Euro (2019). Tatsächlich, berichtet ein Insider, sei der Kostenanstieg zu einem beträchtlichen Teil auf ganze „Schubkarren“ externer Berater zurückzuführen, die im Laufe des vergangenen Jahres in die Bank geströmt seien. Er spricht von einer „signifikanten dreistelligen Zahl“ von externen Kräften, die auf dem Migrationsprojekt gesessen hätten und wohl auch 2020 noch saßen. Und das bei einer Bank mit insgesamt gerade mal 2000 Vollzeit-Beschäftigten.

Die Apobank will sich zu diesen Zahlen öffentlich nicht äußern. Im Umfeld des Instituts wird zumindest betätigt, dass insgesamt eine signifikante dreistellige Zahl an Personen mit dem IT-Umzug befasst gewesen sei. Davon abgesehen wird im Apobank-Umfeld bestätigt, dass vorübergehend zusätzliche Bürokapazitäten geschaffen wurden, um die mit dem Projekt beschäftigten Kräfte unterbringen zu können.

7. Akt: … – und dann kam „Corona“

Wenn eine IT-Migration ein Mammutprojekt ist … Was ist dann eine (von weiteren Großprojekten begleitete) IT-Migration in Zeiten von „Corona“ und Remote-Working?

Einer, der beim Apobank-Projekte zwar nicht vertreten war, aber einige große IT-Migrationen in seinem Arbeitsleben mitgemacht hat, sagt: „Durch die Folgen der Corona-Pandemie muss es bei dem Projekt an ganz vielen Punkten zu zusätzlichen Reibungsverlusten und dadurch auch zu Verzögerungen gekommen sein – dieser Zusammenhang ist aus meiner Sicht evident. Darum hatte ich als Beobachter von außen damit gerechnet, dass der IT-Umzug verschoben wird.“

8. Akt: Das lange Pfingstwochenende

Nach Finanz-Szene.de-Informationen wurden im Herbst 2019 innerhalb der Apobank drei mögliche Termine bzw. Zeiträume für die Vollendung der IT-Migration diskutiert:

  • Der März 2020
  • Der Mai/Juni 2020
  • Und für den Notfall: der Herbst 2020

Es soll Leute innerhalb der Bank gegeben haben, die damals schon (also vor Corona) den Herbst-Termin als vernünftigste Variante ansahen. Es wurde jedoch (trotz Corona und wie wir mittlerweile alle wissen) der Mai/Juni-Termin. Folge: Das Apobank-Management blieb innerhalb des intern wie öffentlichen kommunizierten Zeitplans. Denn laut dem hatte es von Anfang an geheißen: Der Umzug der Kern-IT solle innerhalb des ersten Halbjahrs 2020 abgeschlossen sein.

Warum Pfingsten? „Weil man bei einer IT-Migration sinnigerweise ein langes Wochenende wählt, um einen Tag mehr Zeit zu haben“, sagt Ole Barkmann von PASS Consulting Group. Die Haspa hielt es ähnlich, als sie im vergangenen Jahr von SAP auf das OSPlus-System der „Finanz Informatik“ wechselte. Sie wählte das Osterwochenende.

Jedenfalls, der Kernbank-Experte Barkmann erklärt die Dinge so:

„Der Wechsel der Kernbanksystems läuft auf das hinaus, was wir in der Fachsprache ‚Cutover‘ nennen – also das, was die Apobank zu Pfingsten gemacht hat. Diesen ‚Cutover‘ darf man sich aber nicht wie das Umlegen eines Schalters vorstellen. Sondern: Der ‚Cutover‘ besteht aus ganz, ganz vielen einzelnen Prozessen. Irgendwann im Zuge des Migrations-Wochenendes haben Sie dann aber so viele dieser Prozesses durchgeführt, dass Sie einen ‚Point of no return‘ erreichen, nach dessen Durchschreiten es kein geregeltes Zurück mehr gibt. Und das ist auch ein Grund, warum man sich für den ‚Cutover‘ lieber 1-2 Tage mehr Zeit nimmt: Man will sich zeitlichen Spielraum schaffen, damit man, wenn irgendetwas grundlegend schiefläuft, die schon eingeleiteten Prozesse wieder zurückdrehen und den IT-Umzug verschieben kann.“

9. Akt: Sah sich die Apobank zum Erfolg verdammt?

Zweidreiviertel Jahre. So viel Zeit lag zwischen der Entscheidung für Avaloq (September 2017) und der Deadline, die sich die Apobank öffentlich für die IT-Migration gesetzt hatte (1. Halbjahr 2020). „Extrem aggressiv kalkuliert“, nennt das der weiter oben schon zitierte Projektinsider – selbst wenn es keine Pandemie gegeben hätte. Fachleute sehen das ähnlich.

Sprach aus dem Zeitplan schlicht der Ehrgeiz des Apobank-Managements? Oder gab es andere Faktoren?

Fest jedenfalls steht, hierfür hat Finanz-Szene.de verschiedene Quellen: Die regulären vertraglichen Beziehungen zum bisherigen IT-Dienstleister, nämlich der Fiducia & GAD, liefen per Mitte 2020 aus.

Hierzu muss man nun wissen: In Verträgen zwischen Banken und ihren IT-Dienstleistern gibt es normalerweise Regelungen, die genau für solche Fälle getroffen werden. Experte Barkmann sagt: „Es ist üblich, sich durch die sogenannte ‚Beendigungs-Unterstützung‘ abzusichern, so dass man diese Unterstützung im Fall der Fälle auch über die eigentliche Vertragslaufzeit hinaus erhält.“ Dies sehe auch die „MaRisk“, also die Mindestanforderungen (Ma) der Bafin an das Risikomanagement (Risk) von Banken, so vor.

Mit anderen Worten: Eine Verschiebung des IT-Umzugs wäre problemlos möglich gewesen. Jedenfalls vertraglich. Und sicher auch finanziell. Aber macht man das? Beim gehörnten Ex-Partner anklopfen, ob man noch ein bisschen bei ihm wohnen kann, weil man mit der neuen Liebschaft, nun ja, vielleicht noch nicht ganz so weit ist?

Letzter Akt: Der Aufstand der weißen Kittel

Auch am gestrigen Montag, also dem siebten Tag nach der großen IT-Migration, haben die Apobank-Kunden ihrem Ärger in den sozialen Medien wieder Luft gemacht (siehe z.B. bei Twitter hier, hier und hier). Nun lässt sich …

  • a) bei solchen Unmutsäußerungen die Authentizität der Fälle kaum zweifelsfrei klären, was
  • b) übrigens auch für den Fall der Herrn Mommsen von weiter oben gilt. Hierzu heißt es aus der Apobank, es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass Konten falsch migriert worden seien. Um den konkreten Vorgang zu beurteilen, müsse man diesen allerdings erst einmal kennen (Mommsen sagt, er habe die Bank letzte Woche umgehend über den Fehler informiert).

… indes: Angesichts der schieren Fülle an Beschwerden und angesichts der Tatsache, dass sich aus den Beschwerden klare Muster erkennen lassen (etwa, dass im Onlinebank nach der Umstellung die Kreditkonten fehlen bzw. fehlten, Überweisungen und Lastschriften zeitweise nicht gebucht wurden oder unsichtbar waren, Kunden von Konten ausgesperrt waren und Aktivierungsbriefe nicht bekommen haben), kann es am grundsätzlichen Befund keinen Zweifel geben: Bei der Apobank brennt die Hütte. Siehe auch unsere gestrige Dokumentation von Kundenbeschwerden.

Und nun? Die Apobank hat den ganz großen Wurf gewollt (was man auch daran erkennt, dass die IT-Migration nicht nur den Wechsel des Kernbanksystems, sondern auch die Einspielung mehrerer hundert Spezial-Applikationen umfasste, wie das „IT Finanzmagazin“ am Wochenende festhielt). Und den ganz großen Ärger bekommen.

Wenn man es positiv sehen will: Der gigantische Feldtest, den die Apobanker mit dem missglückten Umzug ausgelöst haben, dürfte beim Identifizieren und Beheben der Fehler heben. Ein Verdacht allerdings dürfte das Institut selbst dann begleiten, wenn das „Frontend“ in den kommenden Tagen wieder weitgehend funktionieren sollte: Hat die Apobank ihre IT-Probleme gelöst – oder erst einmal nur kaschiert?

Zuerst erschienen bei

Chronik eines „Projekts“: Wie die Apobank ins Chaos stürzte

Viktor Heese
Über Viktor Heese 142 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*