Mogelpackung amtliche Arbeitslosenquote

Abonnieren Sie meinen neuen Youtube-Kanal: https://www.youtube.com/channel/UCEnrp5z3Rq5-NOIZmUU7NSg/videos

Berlin mogelt seit Jahrzehnten mit der Arbeitslosenstatistik. Auch im Corona-Jahr 2021 ist mit 6% (August 5,6%) gegenüber 5,0% im Rekordjahr 2019 die Arbeitslosquote nicht wirklich eingebrochen. Weltweit sollen 25 Millionen Jobs verloren sein, nur im „Jobwunderland“ Deutschland herrscht weiter Friede, Freude, Eierkuchen. Die Erfolgsstory soll sich bis 2025 mit weiter auf 3,4% sinkenden Quote weitergehen Vielleicht liegt das gute Abschneiden aber nur an den vielen Erfassungstricks, die eigentlich nur banal, legal und EU-konform sind?

Trick 1:

Amtliche Arbeitslosenquote um 28% zu niedrig, weil vieles willkürlich herausgerechnet wird

Ein Blick auf die Korrekturzahlen der zu der amtlichen Statistik Linken für März 2021 zeigt das Ausmaß der „Trickserei“. https://www.die-linke.de/themen/arbeit-alt/tatsaechliche-arbeitslosigkeit/2021/. Die ausgewiesene Arbeitslosigkeit betrug hiernach: 2.827.449 Personen, was einer Quote von 6,2% entsprach. Die tatsächlich „erfassbare“ Arbeitslosigkeit wäre auf 3.605.722 anzusetzen, was die Quote um knapp 28% auf 7,9% erhöht. Nicht gezählte Arbeitslose zeigen warum:

Älter als 58, beziehen Arbeitslosengeld II: 169.042
Ein-Euro-Jobs (Arbeitsgelegenheiten): 48.818
Förderung von Arbeitsverhältnissen: 35
Fremdförderung: 116.444
Teilhabe am Arbeitsmarkt (§ 16i SGB II): 42.348
berufliche Weiterbildung: 162.248
Aktivierung und berufliche Eingliederung (z. B. Vermittlung durch Dritte): 177.052
Beschäftigungszuschuss (für schwer vermittelbare Arbeitslose): 1.319
Kranke Arbeitslose (§146 SGB III): 60.967
Nicht gezählte Arbeitslose gesamt: 778.273

Trick 2:   

Arbeitslosenquote um 17% zu niedrig wegen Teilbeschäftigung und stiller Arbeitsreserve

Auch in der korrigierten Statistik wird die Unterschätzung der Unterbeschäftigung nicht voll sichtbar. Vollzeitstellen sind keine heute Verständlichkeit. Im „Jobwunderland“ entstehen viele neue Arbeitsplätze, leider oft nur als Teilzeitstellen.  Wäre mit voller Stundenzahl gerechnet, kämen weitere 10% zu den 28% hinzu. Hiervon wäre die freiwillige Arbeitszeitverkürzung herauszurechnen. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4047/umfrage/entwicklung-der-jaehrlichen-arbeitszeit-pro-erwerbstaetigen/.

Last but not least es kommt zu allerletzt die 200.000 Personen zählende stille Arbeitsreserve von Personen die entmutigt sich nicht arbeitslos melden, hinzu. Das wären etwa zusätzliche 7%. Wenn wir die Tricks 1. Und 2. Summieren kommen wir auf eine um 45% zu niedrig genannte Arbeitslosenquote.

Trick 3:    

Nicht nur die deutsche ARGE, sondern auch die ganze EU trickst

Trotz der andauernden Harmonisierungsversuche in der Gemeinschaft, die bis zum Toiletten-Papier reichen, berechnet jedes EU-Land seine Arbeitslosquote nach eigener Methode. Das statistische Amt der Europäischen Union, die Eurostat, ermittelt die Länderquoten auf einer Stichprobenbasis der Mitgliedstaaten, wendet eigene Umrechnungen an und produziert erheblichen Abweichungen. Durch dieses Chaos kommen fragliche Zahlen heraus. So lagen 2020 alle osteuropäischen EU-Neulinge unter dem Unionsdurchschnitt von 7,1%: https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/europa/70606/arbeitslosigkeit-2020Juni 2021: Bundesagentur sieht „deutliche Besserung“ am deutschen Arbeitsmarkt – Zahl der Arbeitslosen sinkt - WELT

Für Juni 2021 wurde von der EU für Deutschland eine Quote von 3,7% – die Bundesanstalt kommt aber auf 5,7%, oder bei Hinzurechnung der 45%iger Unterbeschäftigen auf 8.3% – genannt https://ec.europa.eu/eurostat/de/web/lfs/data/database. Im Extremfall kann fundiert demnach mit 3,7% oder mit 8.3% argumentiert werden. Welche Zahl ist also richtig?

Wenn Deutschland bei den „EU-Zahlen-Verdrehern“ wohl Maß hält, ist es dennoch ärgerlich, dass hierzulande die Methodenänderungen nicht angezeigt werden und Otto-Normal-Verbraucher nicht erfährt, wie die Veränderungen zu früher (z.B. zu 1960) ausfielen.  Was spricht dagegen, wenn von den 96.000 Beschäftigten der Bundesagentur für Arbeit – das sind so viel wie beim Chemiekonzern BASF – ein Expertenteam, solche Vergleichsquoten ermitteln würde. Das wird offensichtlich nicht gewünscht.

Wer auf ihre Agentur-Webseite schaut https://www.arbeitsagentur.de/ueber-uns wird weiter fragen was liefern für die riesige Mammutbehörde noch die „vermittlungsfremden Dienststellen“ wie das IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung), Europavertretung, Hauptstadtvertretung, Service-Haus der Bundesagentur, Hochschule der Bundesagentur (HdBA) oder der Führungsakademie der Bundesagentur (FBA)?

Fazit:

Die Politik aller EU-Länder trickst bei den Arbeitslosenzahlen mehr als in anderen Bereichen der Wirtschaftspolitik, um wirtschaftspolitische Erfolge zu „belegen“. Das zeigt die Zahl und das Volumen der EU-Förderprogramme, die Statistiken und Analysen. Deutschland schafft es abermals sich im Corona-Umfeld 2020/21 günstig darzustellen und eine Top-Prognosen für 2025 von 3,4% aufzustellen.

Viktor Heese
Über Viktor Heese 154 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*