Medienkonzerne an der Börse: Player, Kurshistorie, Bewertung, Perspektiven

Dieses Kapitel soll die Fragen beantworten, ob eine Investition in Medienaktien für einen Privatanleger und Otto-Normal-Fernsehkonsument lohnt. Wenn dem nicht so ist, wird sich der ARD-Ablehner fragen müssen, ob er bereit ist ein börsennotiertes Bürgerliches Fernsehen über immer neue Kapitalerhöhungen dauerhaft zu subventionieren um es „am Leben zu halten“. Was besagt das alte Sprichwort: Wenn es um Geld geht hört der Spaß auf! So könnte dem Ablehner passieren, dass er zwar gutes aber sehr teures Programm bekommt. Käme er damit nicht in eine Entscheidungsfalle? Auch das soll geklärt werden.

Diese Fragen soll eine auf ausgewählten Graphiken der Kursverläufe und der Bewertungskennzahlen der Aktien von den größten Medienkonzerne aufbauende Kurzanalyse beantworten. Die Daten sind dem Börsenportal finanzennet.de entnommen. Die Analyse ist denkbar simpel aufgebaut, damit sie ein Nicht-Börsianer auch versteht.

Das Geschäftsprofil der Medienkonzerne

Medienaktien sind keine „reinen“ TV-Aktien, weil die börsennotierten Medienunternehmen in mehreren Sparten tätig sind. So wie im PC-Bereich zwischen der Software und der Hardware unterschieden wird, stellen Medienkonzerne einerseits die technische Ausrüstung (Kabel, Satellit, Telekommunikation) und andererseits die klassischen mediale Bild- und Hörprodukte (Fernsehen, Radio, Musikerzeugnisse, Filmproduktion, Videospiele) dar. Presse und Verlage werden von Börsenanalysten manchmal oftmals gezählt, manchmal werden sie aber – wie in unserem Beispiel – den Konsumaktien zugeordnet.

Der Vivendi-Konzern ist z.B. ein typischer Fall mit einem gemischten Spartenangebot, während ProSieben Media und Walt Disney wiederum reine nicht-technischer und AT&T überwiegend technische Medienkonzerne sind. Das Produktprofil von ProSieben und der anderen Player kann der Leser der vorgenannten Portalseite zu entnehmen.

Dort findet er weitere betriebswirtschaftliche Unternehmenskennzahlen wie die Größe des Umsatzes, die Beschäftigtenzahl oder die Ergebnisse vor und nach Steuern. Es wird ihm auffallen, dass die größten Player, wie Viacom, AT&T oder Walt Disney aus den USA kommen. Die letzte Gesellschaft hat immerhin fünfmal mehr Mitarbeiter als unser TV-Moloch, die ARD.

Exkurs für Fortgeschrittene Börsianer: beim Studium des europäischen Branchen Subindex EuroStoxx600 Media, der 15 Einzeltitel enthält (andere Zuordnung als in der nachfolgenden Tabelle), kann man mehr Einzelheiten erfahren. In Europa dominieren die Britten mit 60% des Indexvolumens die Medienszene.

Die Kurshistorie der Media-Aktien

Das Segment Medienaktien zählte in zählte mit den Telekom- und den Technologieaktien 1999 – 2001 zu den Favoriten der New Economy (sog. TMT-Aktien), in Deutschland als die kurzlebige Ära des Neuen Marktes bekannt. Wie stark diese Illusion zusammenbrach zeigt im unteren Chart nicht zuletzt der damals katastrophale Kursverlauf bei Vivendi und RTL, aber auch bei der Deutschen Telekom die in die Analyse nicht aufgenommen ist.

Der Kurseinbruch bei RTL und ProSieben war nach 2001 auf den ersten Blick ebenfalls enttäuschend. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, weil falls die Dividenden berücksichtigt werden wendet sich das Bild schnell (siehe ProSieben, obere Linie).

Mit der generellen Aussage Medienaktien sind keine Überflieger, zahlen dennoch anständige Dividenden und der Anleger muss bei einem günstigen Einstiegszeitpunkt nicht mit (Dauer-)Verlusten rechnen liegen wir nicht falsch.

Ausblick

Weil die Kurse einiger Medienaktien am Boden sind, wäre hier der Einstieg günstig. Das sehen viele Analysten identisch, wenngleich bei deren Aussagen Vorsicht geboten ist.

Der Interessent kann sich ergänzend mit einigen Fundamentalinformationen über die Solidität von seinem Kaufkandidaten überzeugen. Bei ProSieben lag die 2019er Eigenkapitalquote bei 15% und das Unternehmen hat seit 2013 niemals Verlust gemacht.

Vor diesem Hintergrund spricht nichts dagegen, dass er den überwiegenden Kaufempfehlungen vom Mai 2020 folgt.

Wenn er mehr Mut besitzt, darf er sich auch an andere Medientitel wie Sky oder Netflix wagen, deren Kurse im Aufwärtstrend sind.

Eventueller Börsengang der ARD? Was müsste eine Aktie kosten?

Anders als z.B. bei der zur Börseneinführung vorbereiteten Deutschen Bahn ist die ARD eine non-profit-Gesellschaft, was die Ableitung eines Emissionskurses auf der Basis von Ertragszahlen wie (KGV) unmöglich macht. Die Deutsche Bahn hat 2019 einen Jahresüberschuss von 680 Mio. € erzielt, das sind +25% im Vergleich zu Vorjahr.

Mit einem solchen Batzen kann die ARD nicht aufwarten, zumal sie Irritationen wegen Pensionsrückstellungen aufweist. Die Bilanzen und Gewinn- und Verlustrechnungen haben vor dem GEZ-Hintergrund weitgehend formalen Charakter. Der Hessische Rundfunk weist eine Unterdeckung bei den Ein- versus Ausgaben aus.

Es wäre dennoch reizbar den „Wert einer potentiellen ARD-Aktie auf der Basis des bilanziellen Netto-Vermögens der Gruppe“ zu ermitteln. Es ist hier wie bei der VR-Gruppe von einer solchen zu sprechen, da hier im bilanziellen Sinne keine Konsolidierung (Summierung) der formalen Bilanzen der einzelnen Anstalten (WDR & Co.) möglich ist.

Hier folgende summierte Kennzahlen der Gruppe:

  • Einnahmen („Umsatz“) 9 Mrd.€
  • Eigenkapital 2 Mrd.€
  • Bilanzsumme 15 Mrd. €
  • Finanzanlagen 9 Mrd. €
  • Beschäftigte 44 Tausend

Unterstellen wir eine Quote der stillen Reserven von 20% des Eigenkapitals und 80 Millionen Aktien in der Erstemission kommen wir auf

30 € je Aktien nach dem Sachwertprinzip

(Börsenfachausdruck: NAV = Nett Asset Value)

Alternativrechnung beim unterstellten Jahresgewinn von 80 Mio.€ (keine Schätzung, nur Gedankenspiel unter bestimmten Prämissen)

Würde die ARD im Rahmen eines Sanierungsprogramms einen Vorruhestand für (z.B. 30%) der Führungskräfte anordnen (es sind ja keine Beamte, also müsste es gehen!) und Personalabbau (z.B. 10%) bei der nicht-technischen Belegschaft durchführen, ist eine Einsparung von 2%-3% der Personalkosten plus Altersvorsoge nicht unrealistisch.

Ergebnis je Aktie bei 80 Millionen Aktien                                  1 €

KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) in der Medienbranche             18

Fairer Aktienkurs (nach dem Ertragswert)                                 18 €

Mittelwert                                                                                     24 €

Was passiert, wenn der Aktienkurs fällt

Mit diesem Horrorszenario würden die Gegner der Privatisierung sofort argumentieren. Wir erinnern uns, dieses Totschlagargument war bei den anderen „Volksaktien“ immer wieder angebracht und es ging nach anfänglichen Höhen und Tiefen sowohl für die Beschäftigten als auch die Investoren doch weiter – was bereits gezeigt wurde. Ohne eine effektive Reform (siehe Zögern bei der Deutschen Bahn) bringt selbst der Staat den Rest seines Tafelsilbers nicht mehr an die Börse.

Den Jobbenden wird es nicht besser/schlechter als in der Gesamtwirtschaft gehen, die Investoren können jederzeit aussteigen, wenn sie mit der Kursentwicklung oder der Dividende unzufrieden sind. „Volksaktien“ sind keine Zockerpapiere, die Emissionskurse wurden generell marktgerecht festgelegt. Wer die Telekom-Aktie auf dem Höhepunkt des Neue Markt-Hype zu 80 € in 2001 erwarb, darf sich nicht beschweren. Der Emissionskurs lag 1998 gerad knapp über 14 € je Aktie.

Fazit:

Es ist immer einfacher zu behaupten etwas geht nicht, als es zu versuchen. Mögen die Ablehnungsgründe, wie die fehlende Datenbasis und Methodik, noch so plausibel sein, die Berechnung des Wertes einer potentiellen ARD-Aktie und ihrer möglichen Kursentwicklung wird immer ein Versuch wert sein. Nicht zuletzt lässt sich bei einer solchen Analyse auf die Erfahrungen mit den Medienaktien zurückgreifen.

Viktor Heese
Über Viktor Heese 130 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

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