Lebensversicherer trotzen der Niedrigzinsphase. Warum?

https://www.wallstreet-online.de/nachricht/11293805-lebensversicherungen-niedrigzinsphase-gefaehrdet-warum

Um die vermutete Belastung der deutschen Lebensversicherer durch eine andauernde Niedrigzinsphase ranken sich viele Legenden. Die weitestgehende Mär besagt, die Existenz der Gesellschaften stehe auf dem Spiel, weil die 10J.-Bundesanleihe mit einer Rendite von 0,16% nicht mehr den Garantiezins von heute 0,90% decke, geschweige denn die Garantiezinsen von bis 4% und die zugesagten Überschussbeteiligungen in den noch laufenden Altverträgen. Die Gesellschaften sind somit gezwungen die Bewertungsreserven in den Kapitalanlagen aufzulösen um die Lücken zu schließen. Irgendwann sind diese Reserven aufgebraucht und es geht an das Eigenkapital. Diese Vorstellung ist ein weit verbreiteter Trugschluss.

Die Kosten- und Risikoanteile in den Prämien decken bereits die Betriebskosten

In der klassischen Lebensversicherung gehen von der Versichertenprämie etwa je 10% für die Deckung der Betriebskosten- und des Todesfallrisikos weg. 80% werden als Sparanteil in Kapitalanlagen investiert um die versprochene Leistung (Sparkapital + Garantiezins + verschiedene Arten der Gewinnbeteiligungen) zu erfüllen. Damit hängt letztendlich das Wohl und Wehe des Versicherungsanbieters von dem Vergleich der Kapitalanlagenergebnisse mit den Leistungsversprechen ab, der positiv ausfallen muss. Der Vergleich lässt sich nicht nur absolut in Euro, sondern auch in % darstellen. Unten die Vorgehensweise in drei Schritten:

Schritt 1:          2017 verdienten die Lebensversicherungen am Kapitalmarkt 4,49%

Es verwundert, dass die Assekuranz trotz der Niedrigzinsphase und 85%igem Anleihenanteil in den Kapitalanlagen ordentliche Nettorenditen erwirtschaftet. https://www.gdv.de/de/zahlen-und-fakten/versicherungsbereiche/kapitalanlagen-24042. Die Nettorendite (Marktrendite) setzt sich aus den laufenden Erträgen und den Gewinnen/Verlusten aus dem Abgang von Kapitalanlagen abzüglich Abschreibungen, zusammen. 2017 betrug sie nach Verbandsangaben (GDV) auf Sektorenebene stolze 4,49%. Das hatte zwei Gründe. Erstens beinhalten die laufenden Erträge neben den hohen Zinsen (Jahreskupons von über 5% keine Seltenheit) aus den Altanlagen noch Mieten, Dividenden und Ausschüttungen aus Beteiligungen. Diese Komponenten ergaben 2,21%. Zweitens es wurden Top-Gewinne aus dem Verkauf von Altanleihen erzielt, die zum Teil zur Bildung der Zinszusatzreserve verwendet (unten) wurden.

Schritt 2:          Diese Marktrendite reichte für die Kundenverpflichtungen von 3,40% aus

Weil die laufende Rendite von 2,21% für die Erfüllung der Kundenverpflichtungen (laufenden Verzinsung) von 2,75% nicht ausreichte, müssten 2017 Bewertungsreserven in Anleihen zur Lückenschließung aktiviert werden. In diesem Jahr wurde im Sektorendurchschnitt den Versicherungskunden eine Gesamtverzinsung von 3,40% gewährt, wovon 2,75% auf den Garantiezins (Durchschnitt aller noch laufenden Altverträge) und 0,65% auf den laufenden und den Schlussüberschuss, der aus einem Spezialfonds gespeist wird, entfielen. Die Zinszusatzreserve betrug 0,54%. Die verbleibenden 1,09% zur Marktrendite von 4,49% wurden Bestandskunden gutgeschrieben und zur Bildung von Reserven verwendet.

Vom Sektorendurchschnitt sind die Renditen der individuellen Einzelversicherungen zu unterscheiden, die produkt- und laufzeitabhängigen. Sie betrugen 2017 laut Angaben der Kölner Ratingagentur Assekurata bei einer 30 (20) jährigen klassischen Versicherung 4,06%. (3,75%).

https://www.assekurata.de/fileadmin/mediendatenbank/Dokumente/Publikationen/Studieninfo/2019/Praesentation_Studie_Ueberschussbeteiligungen_Garantien_2019_Homepage.pdf

Schritt 3:          Optimistische Zukunftseinschätzung beruhigt

Laut der Assekurata-Studie deklariert die Branche für 2019 eine unverbindliche laufende Verzinsung von 2,30% und dass bei einer aktuellen 10J.-Rendite von 0,16% und einem Garantiezins von 0,90%. Damit sind die Kapitalmarkterwartungen der „Profis“ trotz Niedrigzinsphase sehr optimistisch.

Auch die Altverträge können weiter gut bedient werden. Die bilanziellen Bewertungsreserven für die Bildung neuer Zinszusatzreserven reichen bei rückläufigen Verpflichtungen für gut 10 – 15 Jahre aus. Dabei sind die Reserven im Immobilienbestand und eine für den Fall einer Erholung am Aktienmarkt noch gar nicht berücksichtigt. Dem Versicherungssektor geht es generell gut, worauf die Aktienkurse hindeuten. 2018 wurden für die Zinszusatzreserve 6 Mrd. € und seit 2011 rd. 65 Mrd. € verwendet, bei einem ungefährem Kapitalanlagebestand von fast 1 Bill €.

Eine echte Krise erlebte der Sektor zuletzt in den Jahren 2002 und 2003

Von einer Krise der Lebensversicherer kann also heute nicht die Rede sein. Diese erlebte der Sektor 2002-2003 als er sich in Aktien verspekulierte. Durch die gesetzliche Genehmigung zur abweichender Bilanzierung nach § 341 HGB, die Bildung stiller Laste und das Aussitzen der Verluste war diese aber schnell überstanden. Wegen der Abstinenz in Risikopapieren war die Branche – anders als die Banken – von der Finanzkrise 2008 nicht betroffen.

Fazit:

Angesichts so viel Optimismus ist zu fragen, ob die Branche nur mutig ist oder es ein berechneter Werbetrick ist, um die aussterbenden Traditionsprodukte in der Lebens- und Rentenversicherung durch temporäres „Dumping“ am Leben zu halten. Wie dem auch so, so lange die Lebensversicherer ihre Kundenverpflichtungen am Kapitalmarkt verdienen können, ist die Welt in Ordnung. Schließlich erinnert ihr Geschäftsmodell immer mehr an die Fonds, die das Performance-Risiko auf die Anleger abwälzen.

Bei all dieser Euphorie, darf nicht übersehen werden, dass es sich bei der Analyse um Durchschnittswerte handelt. Viele Unternehmen müssen, statt sich über Reserven zu freuen, stille Lasten schaukeln. Auch kann eine Kurzanalyse nur annähernd den Sachstand beschreiben.

Dr. Viktor Heese – Finanzanalyst und Fachbuchautor; www.finanzer.eu

Viktor Heese
Über Viktor Heese 88 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

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