Kampf der Titanen: China oder USA wirtschaftliche Supermacht?

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Kampf der Titanen: Wird USA oder China die wirtschaftliche Supermacht?

Der Handelskonflikt ist erst der Anfang des Kampfes um die ökonomische Globalherrschaft. Wie stark sind die Chinesen wirklich, wenn sie den USA Paroli bieten, diskutiert folgende Kurzanalyse. Wirtschaftliche Macht hat immer zwei Seiten, sie kann vom Staat feindlich (Handelskrieg, Embargo) oder friedlich (Markteroberung, Wettbewerb) eingesetzt werden. Unter diesen Aspekt sind die unteren Vergleichskriterien zu hinterfragen. China war bis 1820 die führende Wirtschaftsmacht und holt sich ihre alte Position zurück. Wiederholt sich die Geschichte?

Zur Methode: Analysten ist aufgefallen, dass das BIP (1) die Frage „Wer regiert (wirtschaftlich) die Welt?“ nicht beantworten kann. Zur Potentialanalyse sind noch das Auslandskapital (2)), das Inlandsvermögen (3) und die Großkonzerne (4) eines Landes hinzuziehen. Werden die „Machtfaktoren“ kombiniert, verstärkt sich ihre Wirkung. Deswegen belegen die Global Player bei allen Faktoren immer vordere Plätze. Ausrutscher gibt es auch. Die Schweiz besitzt einige Konzerne von Weltrang (Nestle & Co.), ist also stark beim Kriterium (4). Sie wird aber wegen ihrer Größe niemals zum Global Player aufsteigen. Deutschland wohl auch nicht? Ob mehr Kriterien ein genaueres Bild zu liefern vermögen, darüber streiten sich die Ökonomen.

 Kriterium Wachstum (1):        China geht mit 1:0 in Führung

Das BIP eines Landes ist vergleichbar mit dem Gewinn eines Konzerns. Isoliert gesehen ist es per se noch keine Waffe. Es liefert aber die Grundlage für den Aufbau aller anderen „Machtfaktoren“ und ist „die Mutter jedes volkswirtschaftlichen Erfolges“. Ein reiches aber autarkes Land ökonomischen kann dennoch Einfluss gewinnen, wenn es wichtige Auslandsbeteiligungen kauft, wie die Golf-Staaten in der deutschen Wirtschaft. Im Mittelalter waren das reiche Genua und Venedig militärisch mächtig, weil sie Söldner-Armeen anwarben.

China hatte 2017 auf der Basis der Kaufkraftparität ein BIP von 23 Bill. USD, die USA von 19 Bill. USD. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Bruttoinlandsprodukt. Durch den 3% bis 4%igen Wachstumsvorsprung, wird sich der Abstand von Jahr zu Jahr vergrößern. Für China ist der US-Handel heute wichtig aber nicht mehr überlebensnotwendig wie vor 20 Jahren als es Kapital brauchte. Ein völliger Abbruch würde eine Reduzierung des chinesischen Wachstums „nur“ um ein Drittel implizieren.

Kriterium Inlandsvermögen (2): Reiche US-Amerikaner gleichen 1:1 aus

Der zweite Indikator, das Inlandsvermögen misst die finanziellen Aktiva (Wertpapiere, Geldvermögen, Beteiligungen) der Bürger eines Landes. Hier liegen die US-Amerikaner, die dank 150 Jahre Frieden und Kapitalismus große Reichtümer angehäuft hatten, nach Crédit Suisse deutlich vorne. https://www.credit-suisse.com/corporate/de/articles/news-and-expertise/global-wealth-report-2018-us-and-china-in-the-lead-201810.html. Sie verfügen über ein Vermögen von 106 Bill., China „lediglich“ über 52 Bill. USD. Damit die privaten Finanzaktiva zum „Machtfaktor“ werden, müssen die Bürger dem Staat das Vermögen in Form von Anleihen (freiwillig) oder Steuern (unfreiwillig) zur Verfügung stellen. Denn Handelskriege sind genauso teuer, wie „heiße“ Kriege. Auch beim Inlandsvermögen ist der rasche Sprung der Ostasiaten in die Weltspitze erstaunlich. Geht es in diesem Tempo weiter – das Vermögen des Reiches der Mitte ist seit 2000 um das 14Fache, das der USA nur um das 2fache – haben die Chinesen die Amerikaner bis 2025 eingeholt.

Kriterium Auslandsvermögen (3):       Chinesen setzen auf ihr Auslandsvermögen und führen 2:1

Während das Inlandsvermögen erst aktiviert werden muss, ist das Auslandsvermögen – definiert als Summe der Bestandteile Direkt- und Portfolioinvestitionen, Krediten und Beteiligungen – schon im Ausland tätig. Hohes Auslandvermögen wäre theoretisch eine ideale ökonomische Waffe, gäbe es da nicht ein Hindernis. Praktisch kann es sogar bedeutungslos werden, wenn die Souveränität der Staaten ins Spiel gebracht wird. Es kommt auf die ökonomische Stärke des Schuldners an. Im 19.Jahrhundert wurden Zahlungsunwillige oder -unfähige noch mit „Kanonenbooten“ bedroht und die Schulden mit Gewalt eingetrieben. Heute kann China ein armes afrikanischen Land mit der Kreditverweigerung disziplinieren, nicht aber die reichen USA mit der Kündigung ihrer Staatsanleihen.

Rotchina führt mit 2 Bill. USD Nettoauslandsvermögen (ohne Auslandschulden) die aktuelle Weltliste an, während die USA, durch ihre steten Handelsbilanzdefizite, mit 18 Bill. USD weltgrößter Schuldner bleiben. Wenig spricht dafür, dass sich die Verhältnisse bald ändern, denn China wird trotz sinkendem Welthandel Exportweltmister bleiben. Die Asiaten setzen ihr riesiges Auslandvermögen clever ein (Stichwort: Aufkauf auch von deutschen Firmen). Die Rating-Agenturen kümmert das alles wenig. Es grenzt an eine Farce, wenn die USA ein besseres Kreditrating als China haben. Die Begründung für diese Diskrepanz ist banal: wer die Rating-Agenturen dominiert, schreibt die Ratings. Eine Konkurrenz hat das Trio Moody, S&P, Fitch nicht.

Kriterium Großkonzerne (4):   Bei den Konzernen haben die USA die Nase vorn; Endstand 2:2

Der Status der Weltkonzerne als „Machtfaktor“ ist ebenso selbsterklärend, wenngleich die Riesen ihren Einfluss ebenso nur indirekt ausüben. Seit Jahrzehnten werden Missbräuche der US-Konzerne beklagt, die im Zweifelsfalle von ihrer Regierung unterstützt werden. Unter den ersten 10, der in der Forbes-Liste nach Umsatz, Gewinn und Mitarbeiter gelistete Multis, sind vier US- sind und drei chinesische Namen zu finden. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften Unternehmen der Welt. Unter den 20 weltgrößten entsprechend neun und drei.

Ist der USD die heimliche ökonomische „Superwaffe“?

Manche Ökonomen reduzieren die „Machtfrage“ auf die Dominanz des USD der als Reservewährung („Weltwährung“) seit 15 Jahren zu über 60% bei globalen Handels- und Finanztransaktionen und zur Reservebildung eingesetzt wird.  Die „Dollarherrschaft“ ist kein zwingendes Naturgesetz, wird weltweit aber hingenommen und von China, Russland und großen Schwellenländer massiv in Frage gestellt. Leider unterstützt die EU die USA und schießt sich damit ein Eigentor, wenn sie ihnen eine Mitkontrolle des S.W.F.T. (europäisches Zahlungsabwicklungssystem für den Euro mit einem Weltanteil 20%) gewährt. https://deutsch.rt.com/wirtschaft/79099-swift-knickt-nach-us-druck/.

Über den USD und S.W.I.F.T. wären die USA in der Lage z.B. jede Iran-Transaktion – auch zwischen Iran und China – zu blockieren. Wenig deutet darauf hin, dass der Yuan bald zur Reservewährung avanciert. Den Clearing-Stellen für den Yuan- oder Rubel fehlt die internationale Akzeptanz. Dem USD wird immer noch mehr vertraut als dem Yuan. Handelskrieg hin, New Development Bank (früher BRICS-Bank) her, an der heute noch wenig beachteten „Währungsfront“ wird es bald weitere Spannungen zwischen den USA und China geben. Es gilt als sicher, dass das mächtige Peking mit den Verbündeten sehr bald den Kampf gegen den USD aufnehmen werden. Das Projekt Neu Seidenstraße lässt grüßen.

Welche Auswirkungen hat das Duell für Deutschland und die EU?

Wer heute wirtschaftlich „stärker“ ist, die USA oder China, bleibt eine Definitionsfrage. Deutschland und die EU hätten ohnehin keine Vorteile, wenn die eine oder andere Seite gewinnt. Die verängstigten Europäer beten aus Furcht vor einer Weltrezession, dass die Handelsgespräche zwischen den beiden Riesen friedlich ausgehen. Mehr fällt ihnen nicht ein. Und die USA? Die müssen sich gegen die durch China & Co. angestrebte „Neuen Weltordnung“ (auch Vorschlag von Henry Kissinger) wehren. Das versucht Washington über die knallharte Beherrschung des globalen Finanzsystems. Wie lange wird das noch gut gehen?

Dr. Viktor Heese – Finanzanalyst und Fachbuchautor; www.finanzer.eu

Viktor Heese
Über Viktor Heese 97 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

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