Im Schlepptau von Lufthansa und Airbus TUI – Lage besser als die Stimmung. Warum?

Immer mehr Mediziner und Ökonomen halten die Corona-Maßnahmen – und –   Erwartungen für stark überdimensioniert. Wenngleich sich diese politisch inkorrekte Einschätzung noch nicht auf die Makroökonomie übertragen hat, so spielen doch die Börsen den Vorreiter bei einer baldigen Neueinschätzung. Ein aktuelles Beispiel aus dem Anlagealltag, der mit unseren in diesem Jahr wohl eingeschränkten Urlaubsplänen assoziiert werden kann. Sollten die Aktienanalysten, Ratingagenturen und die Wirtschaftsjournalisten ihre Meinung zu TUI – so wie bei den Corona-gleichgeschädigten Lufthansa und Airbus zum Teil geschehen – nicht langsam nach oben revidieren?

Woher die These vom zukünftigen „Gleichlauf“ der Aktien in der Krisenzeit?

Eine solche Entwicklungserwartung suggeriert nicht allein das Chartbild, sondern die auffällig weitgehende „Komplementarität“ der Geschäftsmodelle. Vereinfacht gesagt: der eine baut Flugzeuge, der andere fliegt sie und der dritte befördert die Touristen.

In der Krise sind diese klassischen Interdependenzen stärker ausgeprägt als in „gewöhnlichen Geschäftszeiten“. In der Corona werden die drei Konzerne, die nicht auf das Homeoffice und die Internetbestellungen hoffen können durch den Totalausfall des Publikumsgeschäftes gleich starke Auswirkungen zu spüren bekommen.

In der Nach-Corona wirken andere Trends. Die internationale Ausrichtung und einer Vielzahl „nicht komplementärer“ Geschäftssparten – Börsenanalysten ordnen die Aktien daher verschiedenen Branchen zu – ermöglichen zahlreiche positive Entwicklungen außerhalb des Kerngeschäftes entwickeln können. Der „Gleichlauf“ wird aufgegeben.

Aktienanalysten konzentrieren sich primär auf die kurzfristige Geschäftszahlen

Dessen ungeachtet präferieren Aktienanalysten und Ratingagenturen (Stand per 10.6.2020) eine differenzierte Bonitätsreihenfolge: Airbus, Lufthansa und TUI.

Diese Einstufungen basieren primär auf den letzten Quartalszahlen (bei TUI Geschäftsjahr 30.9.) und der weitgehenden „Kennziffergläubigkeit“. An solchen Fundamentaldaten allein – z.B. hat gerade Airbus mit 5% die niedrigste Eigenkapitalquote, liegt aber ganz vorne – und den unterschiedlichen Corona-Hilfen (wie sollte deren “Bedarfsgerechtigkeit“ gemessen werden?) https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/airbus-milliarden-aus-frankreich-8954527 darf allerdings diese Differenzierung nicht vorgenommen werden.

Dennoch hat TUI mit seiner brach liegenden Fliegerflotte, leerstehende Hotels weltweit und wegbleibenden Touristen eine bis zwei „Baustellen“ mehr als die analysierten Vergleichstitel. Weitere Indizien, wie die Zahl der zu beabsichtigten Personalreduzierungen, die auf den wahren Ernst der Lage hinweisen würden, führen wieder einer anderen Reihenfolge.

Kurzum: das Betroffenheitsmass („Schadenquote“) durch Corona ist nicht objektiv messbar.

Anlagerelevanz:

Privatanleger, welche die andauernd wechselnde Nachrichtenlage weder beobachten noch zu interpretieren verstehen – auch unter den Experten kursiert der Spruch von zwei Analysten und drei Meinungen – braucht einen simplen Kompass, dem ihm die „Gleichlauf-These“ liefern kann. Solange die Kursentwicklung in der kommenden Konsolidierungsphase bei den drei Titeln keine auffälligen Divergenzen zeigt, ist es egal in welchen der drei Aktien der Anleger investiert. Erst danach ist auf Sonderentwicklungen zu achten. Bis dann haben wir noch Zeit.

Viktor Heese
Über Viktor Heese 130 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

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