Glücksindizes irritieren: Bleibt Costa Rica nach Corona das glücklichste Land der Welt

 

Seit Jahrzehnten steht die materialistische Orientierung der Lebensqualität in der Kritik. Arme Völker seien nicht immer unglücklich – behaupten Experten. Andererseits können die Bürger reicher Länder „unglücklich“ sein, weil sie von alten Zivilisationskrankheiten und neuen Pandemien (Corona!) oder Flutkatastrophen geplagt werden. Es gilt zu fragen, ob wir moralisch verpflichtet sind die Ländern dauerhaft zu unterstützen, in denen die Menschen glücklicher leben als wir, was der Wohlstandsindex HPI (Happy Planet Index) suggeriert.

Wovon hängen Glück und Lebenszufriedenheit ab und wie werden sie gemessen?

Phänomene wie Lebensqualität, Wohlstand, Glück, Dissonanz (Unzufriedenheit trotz Wohlstand), Lebensfreude oder Lebensstandard lassen neue Forschungsdisziplinen entstehen. Die Glücksforschung ist heute zum wichtigen Bestandteil der Wirtschaftspsychologie aufgestiegen, die Wohlfahrtstheorie wird in der Volkswirtschaftslehre gelehrt und die Statistiker konstruieren Wohlstandindikatoren die das Phänomen besser abbilden. Auch Mediziner und Biologen sind dabei, wenn sie die physiologischen Körperzustände, genetische Einflüsse und Emotionen beim subjektiven Glücksempfinden messen.

Der Glücksatlas – oder die Methode der Zufriedenheitsmessung durch direkte Befragung

Die Hauptaufgabe besteht darin einzelne Kriterien des Glücks (wirtschaftliche, soziale, biologische und emotionale) in einem Index aufzunehmen und zu gewichten, falls andere Messmethoden als die direkte Befragung verwenden werden. Der breit verbreitete eindimensionale Befragungsansatz – in Deutschland durch den DIW mit 20.000 Befragten und die Postbank durch den Glücksatlas bekannt bringt so manche Überraschung https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47331/lebenszufriedenheit. 2019 wurde konstatiert, dass die reichen Norweger oder Schweizer ähnlich unzufrieden seien wie die armen Ukrainer und die mental eher harmoniebewußten Deutschen neben den Britten wieder einmal die Glücklichsten auf dem Alten Kontinent waren.

HPI-Index (Index des glücklichen Planeten) – oder das Paradies Lateinamerikas 

Wesentlich mehr irritierende Aussagen liefert im internationalen Vergleich der HPI-Index. Die seit 2006 von New Economic Fondation (https://de.wikipedia.org/wiki/Happy_Planet_Index) verwendete Methode berücksichtigt die Lebenserwartung, die subjektive “Lebenszufriedenheit”, die Ungleichverteilung dieser Faktoren und weiter erstmalig den ökologischen Fußabdruck und die Kosten des Wachstums. Der letzte Faktor ist alternativ als Nachhaltigkeitsfaktor bekannt und misst die in Hektar pro Person benötigte biologische Fläche für eine langfristige Erhaltung des Lebensstils (Soll-Zahl). Durch einen Vergleich mit der Biomasse (Ist-Zahl) lassen sich regionale Ökodefizite und Ökoreserven berechnen. Reserven weisen nur Südamerika und in Australien aus. Das Bruttoinlandsprodukt misst alles, außer dem, was das Leben lebenswert macht.“ (Robert Kennedy). Folgende Irritationen sind das Ergebnis:

Irritation Nr. 1: Nicht nur in Afrika oder Asien, sondern auch im reichen Europa und Nordamerika leben im Vergleich zu den ökologischen Ressourcen zu viele Menschen. Das Wort Überbevölkerung ist ein Tabu-Thema in der Migrationsdiskussion. Stattdessen wird von alternden Gesellschaften doziert.

Auch die Messergebnisse des HPI sorgen seit Jahren für andauernde Irritationen. 2016 waren – wie die gegrünten Flächen unten zeigen, – mehrere südamerikanische Länder wie Costa Rica, Mexico oder Panama die Erstplatzierten in der “Glückskala”. Hingegen belegten große Industrienationen hintere Plätze (USA Platz 108, Deutschland 49, Niederlande 18, Luxembourg 139 von 140). Auch die nach dem BIP pro Kopf ärmsten Länder der Welt (Bangladesch 8, Albanien 13) liegen hier in der Spitze.

Irritation Nr. 2: Eine breite Umsetzung der HPI-Methode in der Entwicklungspolitik würde ihre Notwendigkeit in den “Glücksregionen” in Frage stellen. Westliche Wirtschaftshilfe könnte womöglich das dortige Glücksniveau senken.

HDI-Index von der UNO vorgezogen – wohl damit die Entwicklungspolitik nicht arbeitslos wird

Daher gehen Politprofis andere Wege. Der vom Nobelpreisträger 1998 A. Sen entwickelte und bis 1980 zurückgerechnete HDI-Index umfasst https://de.wikipedia.org/wiki/Index_der_menschlichen_Entwicklung neben den Pro-Kopf-BIP, die Lebenserwartung (stellvertretend für die Gesundheit), die Ausbildung und die Ungleichverteilung dieser Faktoren. Die Kritiker bemängeln dabei zu Recht die Übergewichtung der Parameter Ausbildung und Gesundheit, die Verwendung von Obergrenzen bei der Skalierung die reichen Länder benachteiligen und das Fehlen der ökologischen Faktoren.

Die Langfristergebnisse des HDI-Indizes für 1990 – 2019 überraschen nicht und entsprechen unseren westlichen Vorstellungen. Mehrmaliger Spitzenreiter waren hierbei Norwegen, Island, Australien, die Schweiz und Deutschland. Am Ende der Skala rangieren stets die Länder Schwarzafrikas wie Niger, Mosambik, Kongo und Äthiopien und die Kriegsregionen Jemen oder Syrien.

Fazit: 

Das Universum der Wohlstandsindikatoren verwendet Messkonzepte die neben der ökonomischen (messbare) eine psychologische (subjektiv, nicht messbare) Komponente enthalten. Die Unterschiede der Indizes bestehen in der Berücksichtigung bzw. Nichtberücksichtigung dieser Komponenten und ihrer Gewichtung. Im Endeffekt fällt es schwer objektiv festzustellen welcher Wohlstands- bzw. Armutsindex aussagekräftiger, sondern welcher populärer ist. Hier entscheidet das Standing des Emittenten (UNO, Weltbank, Denkfabrik, Forschungsinstitut). Würde der HPI-Index dominieren müssten so mancher Entwicklungspolitiker um seinen Job fürchten.

https://www.wallstreet-online.de/nachricht/14208810-gluecksindizes-irritieren-bleibt-costa-rica-corona-gluecklichste-land-de

Viktor Heese
Über Viktor Heese 150 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

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