Gibt es Zinszyklen? Ließe sich daraus die Zinswende bestimmen?

Angesichts der Berge von Einzelinformationen verliert der Privatanleger auch bei der Frage, ob jetzt endlich die Zinswende kommt, schnell den Überblick was hiervon erklärungsrelevant ist und was nicht. In diesem Beitrag wird vorgeschlagen, die beiden Thesen anhand der verwendeten Graphiken stets zu beobachten.

These 1:           Zinszyklen schwer nachweisbar, wenn es die gibt dauert die Niedrigzinsphase noch mindestens 10 Jahre

 Die Zinsdaten für letzten 290 Jahre für Großbritannien gehören zu den ältesten Zahlenreihen der Welt. Wer im Internet nachstöbert, findet solche Aufzeichnungen allerdings auch für die Aktien. https://www.proaurum-valueflex.de/wp-content/uploads/2017/11/GR-Marktkommentar-10-17.pdf. Diese zuverlässige Datenbasis wurde von Kaufleuten geschaffen und erfreuen jeden Wirtschaftshistoriker. Wertpapierindizes und klassische Betriebswirtschaft gibt es dagegen erst seit hundert Jahren. https://finanzer.eu/indizes-in-der-wertpapieranlage/

Die untere Graphik zeigt die Anlegezinsen für Staatsanleihen, die es als Anlageart schon im 13. Jahrhundert in Italien erfunden wurden. Nicht berücksichtigt sind hierin die erstklassigen Unternehmensanleihen.

Mit etwas Phantasie lassen sich in der Abbildung mehrere „chaotische“ lange Zinszyklen mit einer 15 bis 30jähriger Bodenbildungsdauer erkennen. Sollte sich diese „Tendenz“ in der Zukunft fortsetzen, haben wir noch eine 10jährige Bodenbildung (Niedrigzinsphase) vor uns. Ähnlich „chaotisch“ wie der Zyklusverlauf gestaltete sich in den vergangenen drei Jahrhunderten die Zinshöhe. Hochzinsphasen mit Renditen von bis 9% gab es in den USA schon vor zweihundert Jahren, Niedrigzinsen mit Renditen von unter 3% in Großbritannien schon vor einem Vierteljahrhundert.

Diese „chaotischen“ Unregelmäßigkeiten verwundern. Warum fällt die Dreieckformation (1949 – 2014) aus der Reihe? War doch in den vergangenen Jahrhunderten die Rendite immer durch die Geldnachfrage und das Geldangebot der privaten Haushalte, Wirtschaftssubjekte und der Banken bestimmt. Störungen seitens der Zentralbanken – die Bank of England gibt es seit 1694 – kamen nicht vor.  Heute bricht bekanntlich die EZB permanent diese Regel durch ungebremsten Anleihekauf und die illegale Staatenfinanzierung. Die Niedrigzinsphase kann demzufolge noch unbegrenzt andauern, weil für die Staaten die Verschuldung „billig“ und die Geldaufnahme „sicher“ wird – eine banale aber überzeugende Erkenntnis.

These 2:         Kann die Zinswende von der Notenbank eingeläutet werden

Mit der Erhöhung der Leitzinsen wird noch kein attraktiver Anlagezins kreiert. Die Meinung, der autonom veränderbaren Leitzinsen ziehen automatisch gleichgerichtete Änderungen der Anleihe – und Kreditzinsen nach sich ist ein verbreiteter Trugschluss. Wenngleich langfristig die Trendrichtung für alle drei Kreditarten stimmt, so führt doch kurz- bis mittelfristig bis 5 Jahre) jeder von ihnen ein „Eigenleben“. Je niedriger das Niveau bei allen Zinsarten, desto niedriger die Spreads – auch eine banale Erkenntnis.

Das war in der Vergangenheit nicht immer so:

  1. Es gibt Zeiten (USA) in denen der Aufschlag (Zins-Spread) zwischen dem Leitzins und der Rendite für 10J.-Bundesanleihen hoch ist – in 2003 lag er knapp 4% und 2003 sogar bei 5% -, die dann von Zeiten des „Gleichlaufs“ (1988, 2001, 2008) abgelöst werden.
  2. In Krisenzeiten, wie in 1981 oder 2009, wenn es Liquiditätsprobleme gibt, kann der Leitzins den Anlagezins sogar kurzfristig übersteigen. Der Spread fällt besonders in Zeiten mit inversen und flachen Zinsstrukturkurven (Kurzfristzinsen höher/gleich als Langfristzinsen) aus.
  3. Der Befund kann nicht generell für alle Hartwährungsländer (USA, EU, Japan, Großbritannien). Denn der Umkehrschluss wäre für den Anleger beruhigend: Bei einem Spread von bis 3% und einem EZB-Hauptrefinanzierungszins von 0% sind im Euroland bei bonitätsstarken Staatsanleihen (z.B. in Deutschland) interessante Renditen von 3% möglich. Man braucht nur dazu warten, irgendwann würden die 3% schon kommen. Das ist ein leider ein pseudoökonomischer Ansatz, Graphiken allein, liefern noch keine Erklärungsmuster.

https://www.wallstreet-online.de/nachricht/11337527-zinszyklen-liesse-zinswende-bestimmen

 Dr. Viktor Heese: –      Finanzanalyst und Fachbuchautor, www.finanzer.eu

Viktor Heese
Über Viktor Heese 99 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er übersiedelte 1972 aus dem ehem. Ostpreußen und hat bis zur seiner Pensionierung (2014) als Börsenanalyst gearbeitet.

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